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David Foster Wallace: Alles ist grün : Diamanten im Heu

Bild: Kiepenheuer & Witsch

Im Sprachlabor der Metafiktion: Fünf frühe Erzählungen von David Foster Wallace zeigen den Schriftsteller als Autor mit unbegrenzten Möglichkeiten.

          4 Min.

          Mit Ausnahme von William Gaddis hat es bei keinem der bedeutenden amerikanischen Postmodernisten so lange gedauert wie bei David Foster Wallace, bis seine Bücher auf Deutsch erschienen. Das lag nicht nur am manchmal gewaltigen Umfang; sein Hauptwerk "Unendlicher Spaß" kostete den Übersetzer Ulrich Blumenbach zwar sechs Jahre, doch zwischen dem Erscheinen der Originalausgabe 1996 und der Veröffentlichung der deutschen Version 2009 lag gut die doppelte Zeit. Leichter wurde es mit den teils erzählenden, teils essayistischen kürzeren Texten, auf die Wallace sich nach Abschluss seines Megaromans verlegt hatte. Nach dem Freitod des Schriftstellers 2008 im Alter von sechsundvierzig Jahren änderte sich die Lage noch einmal. Jetzt war es unvermeidlich, das Selbstmordmotiv im Werk des Autors und die düsteren Visionen eines Amerika, das sich besinnungslos dem Entertainment überlässt, autobiographisch zu lesen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Man kann selbst die Probe machen. In Videos der seltenen Gelegenheiten, zu denen Wallace sich vor der Kamera äußerte, erlebt man einen scheuen, sensiblen und seiner eigenen Prominentenrolle gründlich misstrauenden Mann, der innezuhalten vermag und sich immer wieder fragt, ob das, was ihm aus dem Gehirn stürzt, überhaupt eine verständliche Antwort darstellt. Selten sieht man einen Künstler, der sich in Gesellschaft so unwohl fühlt. Gelegentlich rückt er nervös die Brille zurecht oder fasst sich an das Piratenkopftuch, das er trug, um seine Schweißausbrüche zu verbergen. Ja, er sei Mathematiker, sagt er in der Talkshow von Charlie Rose, und sein Roman "Unendlicher Spaß" sei gebaut wie ein "einfaches Fraktal". Nein, mit der Postmoderne könne er nichts anfangen, der Begriff sei verbraucht. Und nein, Bücher könnten kaum direkten Einfluss auf ihre Leser ausüben, weil es so lange dauere, einen dicken Roman zu lesen, und wenn der Autor zu Ruhm komme, helfe ihm das auch nicht, die wesentlichen Probleme seines Lebens zu lösen, man bleibe doch immer derselbe. Nur dass wir, seine Leser, seit seinem Todesjahr 2008 nicht mehr dieselben sind.

          Hinter der Mülltonne aufblitzende Epiphanien

          Jetzt hat sein deutscher Verlag frühe Erzählungen vorgelegt, genau die fünf, die beiseiteblieben, als 2001 fünf der zehn Geschichten des Originalbandes "Girl With Curious Hair" (1989) unter dem Titel "Kleines Mädchen mit komischen Haaren" auf Deutsch erschienen. "Alles ist grün", so der Titel, ist eine sehr gemischte Lieferung, nicht nur vom Umfang her, der von drei Seiten bis knapp zweihundert reicht, sondern auch in Bezug auf Themen, Stil und die erzählerischen Mittel. Die Eröffnungsstory ist stark: Zwei Manager lange nach Büroschluss in der riesigen Tiefgarage, einer droht zu sterben, der andere probiert Herz-Lungen-Wiederbelebung, sie sind allein, und Wallace nimmt das alles auf, als wäre er Mensch, Luchs und Spinne in einem. Ulrich Blumenbachs Übersetzung ist nicht nur brillant, sondern eine sprachschöpferische Leistung von eigenem Witz.

          Obwohl Wallace' frühreife Begabung in jeder Geschichte anders pulsiert, hat man immer das Gefühl, einen Autor mit unbegrenzten Möglichkeiten zu lesen, den buchstäblich die Angst vor Langeweile und Konventionalität hinderte, massenmarkttauglicher zu schreiben. Dabei hätte er sie alle in die Tasche stecken können, seinen Freund Jonathan Franzen eingeschlossen. Wallace besaß eine wilde Phantasie, war fähig zum Kammerton, zur Stimmenimitation, zur Bauchrednerei, er konnte Dialoge schreiben und mit drei Zeilen durch eine Szene segeln, er hatte einen Blick für junge Menschen, alte Menschen, alte Sachen (wie in der anrührenden Story "Sag nie"), vorüberhuschende Landschaften und hinter der Mülltonne aufblitzende Epiphanien, und natürlich mochte er auch den Klamauk der Popkultur, nicht immer zu seinem Vorteil. In diesen frühen Erzählungen ist die Nähe zu Thomas Pynchon mit Händen zu greifen, den Hang zur Naturwissenschaft haben ja beide, doch Wallace wirkt wärmer und verletzlicher, als wäre sein persönlicher Einsatz noch etwas höher. Wenn das nicht schon eine rückwärtsgerichtete Projektion ist.

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