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David Chariandy: Der karibische Dämon : Abschied von meiner Mutter

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Ein junger Mann kehrt zurück ins Haus seiner Kindheit: Der kanadische Schriftsteller David Chariandy erzählt eindrücklich vom Drama der Demenz.

          Die Gestalt des großen Rhetorikers Walter Jens wird David Chariandy nicht geläufig sein. Dafür ist die räumliche und sprachliche Distanz des 1969 als Sohn schwarzer und südasiatischer Einwanderer aus Trinidad in Toronto aufgewachsenen Autors zur Tübinger Gelehrtenrepublik wohl zu groß. Und doch hat der kanadische Schriftsteller, der zu den Mitbegründern eines auf schwarze kanadische Autoren spezialisierten Verlags gehört und in Vancouver englische Literatur unterrichtet, das perfekte Gegenstück zu Tilman Jens’ heiß diskutiertem Buch „Demenz – Abschied von meinem Vater“ geschrieben (F.A.Z. vom 23. Februar). Sein Debüt ist poetisch, neugierig, wahrhaftig und voller Mitgefühl.

          Ginge es allein nach dem vordergründigen Inhalt, könnte Chariandys unter dem Titel „Soucouyant“ 2007 in Kanada erschienenes Romandebüt auf Deutsch auch „Demenz – Abschied von meiner Mutter“ heißen. Aber es geht um mehr. Adele, so der Name der in Trinidad geborenen Mutter des namenlosen Ich-Erzählers, kam wie ihr indischstämmiger Mann Roger vor dreißig Jahren nach Kanada. Da den Sohn die Suche nach den Gründen für das vorzeitige Abtauchen der Mutter aus dieser Welt direkt zur Erkundung der verlassenen Heimat führt, zur Inventarisierung der dortigen Gerüche und Aromen, Gebräuche und Aberglauben, trifft der Titel „Der karibische Dämon“ die hier verhandelte Sache ganz gut.

          Großes Einfühlungsvermögen

          Mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen rückt der Autor der teuflischen Erscheinung präseniler Demenz und ihren unerfreulichen Auswirkungen zu Leibe. Der siebzehnjährige Erzähler war der Letzte der Familie, der sich aus dem Staub gemacht hat. Der Vater kam schon früh bei einem Arbeitsunfall ums Leben, der ältere Bruder hat sich ein Gegenleben im Dasein als Schriftsteller gesucht. Doch nun, nach zwei Jahren Abwesenheit, kehrt der Jüngste reumütig zurück in jene schmutzige Sackgasse in Scarborough am östlichen Rand der kanadischen Millionenstadt Toronto – dahinter nur die Klippen und die vorbeidonnernden Züge der Bahnlinie.

          Sein Bericht von den denkwürdigen Zwischenfällen, die er mit seiner Mutter und der sie pflegenden Meera – auch sie eine schwarze Einwanderin – bis zu ihrem Tod erlebt, kommt nicht ohne Wutausbrüche, aber ganz ohne voyeuristische oder gar anklagende Elemente aus. Vielmehr ist es der Versuch, das von außen manchmal komisch wirkende Verhalten nachzuvollziehen. Was nicht einfach ist, wenn man hilflos dabei zusehen muss, wie die eigene Mutter Mehl auf dem Fußboden ausstreut, Eier mit Schale in den Mixer gibt, nackt auf die Straße geht und dort tanzt, in Mülleimern rumwühlt und an jedem Ort ihre Notdurft verrichtet.

          Der Sohn als Fremder

          „Sie ist alt geworden.“ Das war der erste Eindruck des Sohns. „Sie sieht zur Tür ihres Hauses hinaus und wirkt verwirrt von der Szenerie, dem zerquetschten Abendhimmel und dem Geraschel der Blätter im Krebsgang auf dem Küstenstreifen darunter.“ Kaum ist die Haustür geschlossen, offenbart sich ihm die ganze Ratlosigkeit, mit der seine Mutter auf das Eindringen eines ihr fremden Mannes in ihren vertraut gewordenen Zwei-Frauen-Haushalt reagiert. Er greift zu einem Trick und legt sein Knie mit dem walnussgroßen Wulst und der überspringenden Sehne frei. Beim Befühlen dieses Phänomens dämmert der Frau etwas Vertrautes: „Er starke Knochen. Drachensaat tief in Fleisch.“ Zaghaft versucht er, sich ihr zu erklären: „Dein Sohn . . .“ Doch ihre Erinnerung liegt weiter zurück: „Großmutter von er auch. Knochen nicht zu ändern.“

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