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: Das Wörtchen Heimat

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Es beginnt und endet im Karneval. Die Faschingsochsen fahren durch die Stadt, die Honoratioren stehen in der prächtigen Lächerlichkeit ihrer goldbestickten Kappen auf der Tribüne, die Tanzmariechen werfen die Beine, stramm und rotwangig. Der Fremde, der über den Platz geht, ist ein Einheimischer, denn er hat hier als Junge gelebt.

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          Es beginnt und endet im Karneval. Die Faschingsochsen fahren durch die Stadt, die Honoratioren stehen in der prächtigen Lächerlichkeit ihrer goldbestickten Kappen auf der Tribüne, die Tanzmariechen werfen die Beine, stramm und rotwangig. Der Fremde, der über den Platz geht, ist ein Einheimischer, denn er hat hier als Junge gelebt. Der Einheimische auf der Tribüne ist ein Fremder, denn er ist erst im Alter von zehn Jahren nach Guldenberg gekommen. Der eine lebt seit Jahrzehnten im Ort, der andere hat ihn jahrzehntelang nicht mehr besucht. Wer ist fremd, wer hier zu Hause? Nach der Lektüre von Christoph Heins neuem Roman "Landnahme", nach 350 Seiten, auf denen fünfzig Jahre deutscher Geschichte an dem ostdeutschen Städtchen Guldenberg vorüberziehen, hat das kleine, gemütlich-schreckensreiche Wörtchen Heimat wieder einmal einen anderen Klang angenommen.

          Bernhard Haber, der Mann mit der Karnevalskappe, kommt als Kind mit seinen Eltern nach Guldenberg. Die Habers sind Vertriebene aus Schlesien. In der Schule wird der Junge vom ersten Tag an gedemütigt. Als Bernhard auf die Frage des Lehrers, wo der neue Schüler denn geboren sei, "Breslau" zur Antwort gibt, wird er genüßlich korrigiert. Breslau gibt es nicht mehr - "du kommst aus Wroclaw. Hast du das verstanden?" Bernhard erweist sich als langsamer, begriffsstutziger Schüler, der Jahr für Jahr um die Versetzung bangen muß. Aber diesen Ton versteht er sofort. Er komme aus Wroclaw, lautet nun die Antwort, aber geboren sei er in Breslau. Bernhard beugt sich dem Lehrer und trotzt ihm zugleich.

          Die kleine Szene am ersten Schultag enthält das Verhaltensmuster, das Bernhard Haber prägt und das er nicht mehr aufgeben wird: Er gehorcht dem Druck der Verhältnisse, ohne sie je anzuerkennen. Haber ist stolz, er hat Würde und verfügt über einen archaisch grundierten Gerechtigkeitssinn. Ein aufrechter Recke aus Schlesien also? Nein, denn Christoph Heins Helden strahlen nicht, sie werfen das Licht nicht funkelnd zurück, sondern verschlucken es ganz einfach. Deshalb ist selbst in ihren größten Momenten nicht Glanz, sondern etwas Mattes und Stumpfes um sie.

          Auch Bernhard Haber ist kein heroischer Charakterkopf, sondern ein mürrischer Agent der Anpassung. In seiner Brust glüht ein Fünkchen Michael Kohlhaas, aber nach außen wirkt der Heimatlose wie ein Zombie, der nach oben will. Unter allen verstockten, beschädigten, verbrauchten und grauen Figuren, wie Heins Leser sie aus Büchern wie "Horns Ende" oder "Der Tangospieler" kennen, ist Haber wohl die graueste. Er ist so stur, so verschlossen, maulfaul und einsilbig, so undurchdringlich in seiner stummen Verbissenheit, daß man sich zunächst fragt, ob diese Figur nicht womöglich geistig ein wenig zurückgeblieben ist. Aber Haber ist nicht dumm, er steckt lediglich in einem Panzer, der noch um einige Ellen dicker ist als die Drachenhaut der Erzählerin in Heins früher Novelle "Der fremde Freund" von 1982. Wie damals betrachtet Hein auch in seinem jüngsten Roman seine Figuren vor allem unter dem Aspekt ihrer Beschädigungen. Es ist der Formenreichtum der Deformation und ihr Wechselspiel mit dem Akt der Selbstbehauptung, denen nach wie vor Heins Hauptinteresse gilt.

          Fünf Gewährsleute führt der Roman an, um das Leben von Bernhard Haber zu beschreiben. Fünf verschiedene Erzähler sprechen in diesem Buch und berichten, was in Guldenberg geschah und wie ihr eigenes Leben verlief. Thomas Nicolas, der Fremde vom Karnevalsumzug, war Habers Banknachbar in der Grundschule. Er schildert die Ankunft der Vertriebenen, Bernhards Schuljahre und das Schicksal seines Vaters, eines kriegsversehrten Tischlers, der nur noch einen Arm hat und dennoch nach einiger Zeit wieder eine eigene Werkstatt besitzt. Aber das Geschäft geht schlecht, weil niemand im Ort einem Vertriebenen einen Auftrag erteilt. Hein beschreibt die große Fremdenfeindlichkeit, die den Schlesiern entgegenschlägt, mit äußerster Lakonie. So wird ohne jede Schwarzweißmalerei deutlich, wie stark der Druck war, der sich nach dem verlorenen Krieg ein Ventil suchte und es unbarmherzig bei denen fand, die schon alles verloren hatten.

          Der Haß gegen die Umsiedler geht durch alle Bevölkerungsteile und kennt keine Grenzen. Zuerst wird Habers Werkstatt angezündet und brennt nieder, dann wird Bernhards über alles geliebter Hund getötet, und schließlich baumelt der alte Haber in einer Drahtschlinge von der Decke seiner zweiten Werkstatt. Für alle im Ort ist der Fall klar: Ein alter, verbitterter Mann, der nur Pech im Leben hatte, wußte und wollte nicht mehr weiter. Aber Bernhard ist sich sicher, daß sein Vater ermordet wurde. Das Verbrechen, das sich hier andeutet, wird erst viel später wiederaufgenommen. Hein klärt den Mord jedoch nicht etwa auf, weil ihn der Kriminalfall interessierte, sondern weil er zeigen will, daß Haber kein Paranoiker ist.

          Die Erzählerstimmen durchwandern die Jahrzehnte: die erste Freundin berichtet von ihrer keuschen Beziehung zu dem verschlossenen Tischlerlehrling; später erzählt Habers Schwägerin, wie sie den Freund ihrer großen Schwester verführt hat und schließlich sogar die Ehe stiftete. Die dritte Stimme gehört Peter Koller, einem Automechaniker, der zusammen mit Haber ins Schleusergeschäft einsteigt. Während Koller erwischt wird und ins Gefängnis geht, legt Haber in den Jahren unmittelbar vor und nach dem Mauerbau das Fundament seines späteren Reichtums. Selbst als die große Tischlerwerkstatt, die Haber vom Schleusergeld aufgebaut hat, sozialisiert wird, gelingt es ihm, die Kontrolle über seinen ehemaligen Betrieb zu behalten. Die Wendejahre beschreibt der Geschäftsfreund Sigurd Kitzerow, ein Holzhändler, der nach 1989 zusammen mit Haber zum ungekrönten König von Guldenberg aufsteigt. Der Unterschied zwischen den beiden besteht aus einigen Millionen, die Kitzerow mehr auf dem Konto hat, und der Tatsache, daß Haber sich als Vertriebener "alles selbst erarbeiten mußte".

          Die dramaturgische Klammer, die Christoph Hein seinem Roman verordnet hat, um fünf verschiedene Erzählerstimmen zu bündeln, ist kaum zehn Seiten lang. Diese Kürze steht in seltsamem Kontrast zu der Ausführlichkeit, die sonst in diesem Roman vorherrscht. Hein ist ein gelassener, sorgfältiger Erzähler, der auf grelle Effekte verzichtet. Die Atmosphäre ist zunächst beklemmend, dann miefig-beschaulich, später - die Röcke werden kurz, und einmal verirrt sich sogar ein angehender Popstar nach Guldenberg - weht ein laues Siebziger-Jahre-Lüftchen durch die Stadt. Es sind allesamt Kleinbürger, die hier sprechen, aber Hein, dessen Stärke immer schon die Rollenprosa war, findet für jede Stimme einen eigenen, fein nuancierten Ton. Auch wenn nicht alle Passagen gleich stark sind - das Schleuser-Kapitel etwa ist zu langatmig geraten und bleibt um Längen hinter der Intensität der Kindheitsschilderung zurück -, so gibt es doch ein verbindendes Element: Die Politik spielt für die Guldenberger offenbar keine Rolle, sie ist schlicht kein Thema. In den dürren Nachkriegsjahren will sich jeder nur durchschlagen, später möchte man vorankommen, irgendwie aufsteigen. Das ist sicherlich realistisch, Millionen in Ost und West haben so gelebt und leben so, aber gehören zum realistischen Bild der ehemaligen DDR nicht auch jene, die mittels der Politik vorankommen wollten? Es sind, im verzweigten Apparat der Partei oder der Stasi, ja nicht gerade wenige gewesen, die diesen Weg wählten. Im Horizont der Guldenberger tauchen solche Figuren jedoch kaum auf.

          Als die letzten freien Bauern des Ortes in die LPG gezwungen werden, zählt Haber kurzfristig zu den Agitatoren, weil er die Möglichkeit erkennt, sich an einem der Bauern zu rächen. Einer wie Haber müßte der Partei ein Dorn im Auge gewesen sein: Zunächst für kurze Zeit eifriger Mitläufer und emsiger Agitator, dann als Schleuser ein gefährlicher Feind der Republik, der ihren Häschern durch die Maschen schlüpft, schließlich selbständiger Handwerker im Arbeiter-und-Bauern-Staat und zudem Mitglied des einflußreichen "Kegelclubs", einer Vereinigung der wenigen selbständigen Handwerker und Kleinunternehmer im Ort. Der Kontrolle durch Partei und Stasi entzieht sich der Honoratiorenclub auf denkbar lässige Weise: Der Spitzel ist ein Kumpel, dem man die Berichte in die Feder diktiert. War also alles nur halb so wild? Das bißchen Stasi? Oder will Hein damit sagen, daß Unternehmertum und Kapitalismus auch in ihren dürftigsten Schwundstufen unter der Herrschaft des real existierenden Sozialismus immer noch Mittel und Wege zur Hand hatten, um ihre Interessen zu wahren?

          Es hätte sich angeboten, Habers Schicksal auch aus einer politischen Perspektive zu verfolgen und etwa einem der anderen Agitatoren eine Stimme zu geben. Hein hat sich anders entschieden und wird seine Gründe haben. Wie immer sie lauten mögen, sie haben jedenfalls zu einer irritierenden Leerstelle im Buch geführt. Wo Günter Grass in seiner Vertriebenen-Novelle "Im Krebsgang" die historische Recherche zu weit trieb und der Erzählfluß in der Überfülle der zeitgeschichtlichen Details mitunter ins Stocken geriet, bleibt Hein einsilbig und sein Buch seltsam diffus.

          Das mag damit zu tun haben, daß Hein ein Autor ist, der das Vieldeutige, nicht Auszulotende schätzt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil im Vieldeutigen der erhobene Zeigefinger nicht so auffällt. Gegen den Moralin-Vorwurf ist "Landnahme" jedoch gefeit. Hier gibt es keinen Kläger und keinen Richter, sondern nur unzuverlässige Zeugen. Deshalb bleibt auch Bernhard Habers Tarnanstrich bis zum Ende undurchdringlich. War er ein Opfer der Verhältnisse oder wie geschaffen, um von ihnen zu profitieren? Und wie ist überhaupt der Titel des Buches zu verstehen? Wer hat wem Land genommen? Die Polen den Schlesiern? Die Schlesier den Guldenbergern? Oder sind womöglich die Guldenberger gemeint, die den vertriebenen Schlesiern noch einmal die Heimat nahmen, als sie die Flüchtlinge als "Polacken" beschimpften und als Deutsche zweiter Klasse behandelten? Auch hier erlaubt Heins Roman mehr als eine Antwort. Nur am Ende gewinnt einmal der Moralist die Oberhand über den Lakoniker. Als Habers Sohn zwei Asiaten aus dem Karnevalsumzug verdrängt, protestieren der Vater und sein Freund Kitzerow. Die "Fidschis" hatten Kostüme an, sie hatten sich also den fremden Sitten angepaßt. Wer sich anpaßt, das ist die Lebenslehre von Christoph Heins heimatlosem Landnehmer Bernhard Haber, muß darauf zählen dürfen, daß er respektiert wird. Es ist die einzige Zuversicht des Flüchtlings.

          Christoph Hein: "Landnahme". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 357 S., geb., 19,90 [Euro].

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