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: Das Wörtchen Heimat

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Als die letzten freien Bauern des Ortes in die LPG gezwungen werden, zählt Haber kurzfristig zu den Agitatoren, weil er die Möglichkeit erkennt, sich an einem der Bauern zu rächen. Einer wie Haber müßte der Partei ein Dorn im Auge gewesen sein: Zunächst für kurze Zeit eifriger Mitläufer und emsiger Agitator, dann als Schleuser ein gefährlicher Feind der Republik, der ihren Häschern durch die Maschen schlüpft, schließlich selbständiger Handwerker im Arbeiter-und-Bauern-Staat und zudem Mitglied des einflußreichen "Kegelclubs", einer Vereinigung der wenigen selbständigen Handwerker und Kleinunternehmer im Ort. Der Kontrolle durch Partei und Stasi entzieht sich der Honoratiorenclub auf denkbar lässige Weise: Der Spitzel ist ein Kumpel, dem man die Berichte in die Feder diktiert. War also alles nur halb so wild? Das bißchen Stasi? Oder will Hein damit sagen, daß Unternehmertum und Kapitalismus auch in ihren dürftigsten Schwundstufen unter der Herrschaft des real existierenden Sozialismus immer noch Mittel und Wege zur Hand hatten, um ihre Interessen zu wahren?

Es hätte sich angeboten, Habers Schicksal auch aus einer politischen Perspektive zu verfolgen und etwa einem der anderen Agitatoren eine Stimme zu geben. Hein hat sich anders entschieden und wird seine Gründe haben. Wie immer sie lauten mögen, sie haben jedenfalls zu einer irritierenden Leerstelle im Buch geführt. Wo Günter Grass in seiner Vertriebenen-Novelle "Im Krebsgang" die historische Recherche zu weit trieb und der Erzählfluß in der Überfülle der zeitgeschichtlichen Details mitunter ins Stocken geriet, bleibt Hein einsilbig und sein Buch seltsam diffus.

Das mag damit zu tun haben, daß Hein ein Autor ist, der das Vieldeutige, nicht Auszulotende schätzt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil im Vieldeutigen der erhobene Zeigefinger nicht so auffällt. Gegen den Moralin-Vorwurf ist "Landnahme" jedoch gefeit. Hier gibt es keinen Kläger und keinen Richter, sondern nur unzuverlässige Zeugen. Deshalb bleibt auch Bernhard Habers Tarnanstrich bis zum Ende undurchdringlich. War er ein Opfer der Verhältnisse oder wie geschaffen, um von ihnen zu profitieren? Und wie ist überhaupt der Titel des Buches zu verstehen? Wer hat wem Land genommen? Die Polen den Schlesiern? Die Schlesier den Guldenbergern? Oder sind womöglich die Guldenberger gemeint, die den vertriebenen Schlesiern noch einmal die Heimat nahmen, als sie die Flüchtlinge als "Polacken" beschimpften und als Deutsche zweiter Klasse behandelten? Auch hier erlaubt Heins Roman mehr als eine Antwort. Nur am Ende gewinnt einmal der Moralist die Oberhand über den Lakoniker. Als Habers Sohn zwei Asiaten aus dem Karnevalsumzug verdrängt, protestieren der Vater und sein Freund Kitzerow. Die "Fidschis" hatten Kostüme an, sie hatten sich also den fremden Sitten angepaßt. Wer sich anpaßt, das ist die Lebenslehre von Christoph Heins heimatlosem Landnehmer Bernhard Haber, muß darauf zählen dürfen, daß er respektiert wird. Es ist die einzige Zuversicht des Flüchtlings.

Christoph Hein: "Landnahme". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 357 S., geb., 19,90 [Euro].

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