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: Das Wörtchen Heimat

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Fünf Gewährsleute führt der Roman an, um das Leben von Bernhard Haber zu beschreiben. Fünf verschiedene Erzähler sprechen in diesem Buch und berichten, was in Guldenberg geschah und wie ihr eigenes Leben verlief. Thomas Nicolas, der Fremde vom Karnevalsumzug, war Habers Banknachbar in der Grundschule. Er schildert die Ankunft der Vertriebenen, Bernhards Schuljahre und das Schicksal seines Vaters, eines kriegsversehrten Tischlers, der nur noch einen Arm hat und dennoch nach einiger Zeit wieder eine eigene Werkstatt besitzt. Aber das Geschäft geht schlecht, weil niemand im Ort einem Vertriebenen einen Auftrag erteilt. Hein beschreibt die große Fremdenfeindlichkeit, die den Schlesiern entgegenschlägt, mit äußerster Lakonie. So wird ohne jede Schwarzweißmalerei deutlich, wie stark der Druck war, der sich nach dem verlorenen Krieg ein Ventil suchte und es unbarmherzig bei denen fand, die schon alles verloren hatten.

Der Haß gegen die Umsiedler geht durch alle Bevölkerungsteile und kennt keine Grenzen. Zuerst wird Habers Werkstatt angezündet und brennt nieder, dann wird Bernhards über alles geliebter Hund getötet, und schließlich baumelt der alte Haber in einer Drahtschlinge von der Decke seiner zweiten Werkstatt. Für alle im Ort ist der Fall klar: Ein alter, verbitterter Mann, der nur Pech im Leben hatte, wußte und wollte nicht mehr weiter. Aber Bernhard ist sich sicher, daß sein Vater ermordet wurde. Das Verbrechen, das sich hier andeutet, wird erst viel später wiederaufgenommen. Hein klärt den Mord jedoch nicht etwa auf, weil ihn der Kriminalfall interessierte, sondern weil er zeigen will, daß Haber kein Paranoiker ist.

Die Erzählerstimmen durchwandern die Jahrzehnte: die erste Freundin berichtet von ihrer keuschen Beziehung zu dem verschlossenen Tischlerlehrling; später erzählt Habers Schwägerin, wie sie den Freund ihrer großen Schwester verführt hat und schließlich sogar die Ehe stiftete. Die dritte Stimme gehört Peter Koller, einem Automechaniker, der zusammen mit Haber ins Schleusergeschäft einsteigt. Während Koller erwischt wird und ins Gefängnis geht, legt Haber in den Jahren unmittelbar vor und nach dem Mauerbau das Fundament seines späteren Reichtums. Selbst als die große Tischlerwerkstatt, die Haber vom Schleusergeld aufgebaut hat, sozialisiert wird, gelingt es ihm, die Kontrolle über seinen ehemaligen Betrieb zu behalten. Die Wendejahre beschreibt der Geschäftsfreund Sigurd Kitzerow, ein Holzhändler, der nach 1989 zusammen mit Haber zum ungekrönten König von Guldenberg aufsteigt. Der Unterschied zwischen den beiden besteht aus einigen Millionen, die Kitzerow mehr auf dem Konto hat, und der Tatsache, daß Haber sich als Vertriebener "alles selbst erarbeiten mußte".

Die dramaturgische Klammer, die Christoph Hein seinem Roman verordnet hat, um fünf verschiedene Erzählerstimmen zu bündeln, ist kaum zehn Seiten lang. Diese Kürze steht in seltsamem Kontrast zu der Ausführlichkeit, die sonst in diesem Roman vorherrscht. Hein ist ein gelassener, sorgfältiger Erzähler, der auf grelle Effekte verzichtet. Die Atmosphäre ist zunächst beklemmend, dann miefig-beschaulich, später - die Röcke werden kurz, und einmal verirrt sich sogar ein angehender Popstar nach Guldenberg - weht ein laues Siebziger-Jahre-Lüftchen durch die Stadt. Es sind allesamt Kleinbürger, die hier sprechen, aber Hein, dessen Stärke immer schon die Rollenprosa war, findet für jede Stimme einen eigenen, fein nuancierten Ton. Auch wenn nicht alle Passagen gleich stark sind - das Schleuser-Kapitel etwa ist zu langatmig geraten und bleibt um Längen hinter der Intensität der Kindheitsschilderung zurück -, so gibt es doch ein verbindendes Element: Die Politik spielt für die Guldenberger offenbar keine Rolle, sie ist schlicht kein Thema. In den dürren Nachkriegsjahren will sich jeder nur durchschlagen, später möchte man vorankommen, irgendwie aufsteigen. Das ist sicherlich realistisch, Millionen in Ost und West haben so gelebt und leben so, aber gehören zum realistischen Bild der ehemaligen DDR nicht auch jene, die mittels der Politik vorankommen wollten? Es sind, im verzweigten Apparat der Partei oder der Stasi, ja nicht gerade wenige gewesen, die diesen Weg wählten. Im Horizont der Guldenberger tauchen solche Figuren jedoch kaum auf.

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