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: Das wahre Gesicht des Joseph Klempner

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Nach dem Film "Das Leben der anderen" stellt nun eine neue Erzählung von György Dalos einen Stasi-Offizier ins Zentrum der Handlung. "Die Balaton-Brigade" erzählt von einem Pflichtgefühl, das sogar die eigene Familie zerstört. Wie sympathisch darf ein Stasi-Offizier sein? Darf man Verständnis für ...

          Nach dem Film "Das Leben der anderen" stellt nun eine neue Erzählung von György Dalos einen Stasi-Offizier ins Zentrum der Handlung. "Die Balaton-Brigade" erzählt von einem Pflichtgefühl, das sogar die eigene Familie zerstört. Wie sympathisch darf ein Stasi-Offizier sein? Darf man Verständnis für die Sorgen des eher naiven Biedermannes aufbringen? Und ist ein Stasi-Hauptmann, der die eigene Tochter bespitzeln muß, ein Opfer des Systems? Es sind Fragen wie diese, die György Dalos mit seiner neuen Erzählung "Die Balaton-Brigade" (Rotbuch Verlag) aufwirft. Der ungarische Schriftsteller konnte nicht wissen, daß das Erscheinen seines jüngstes Buches mit der hitzigen aktuellen Stasi-Debatte zusammenfallen würde. Bislang hat das Buch kaum Reaktionen ausgelöst, nennenswerte Besprechungen sind noch nicht erschienen. Aber es könnte passieren, daß der seit vielen Jahren in Berlin lebende Schriftsteller sich unversehens in der Rolle eines Verteidigers der Stasi wiederfindet. Denn Dalos' abgeklärte Schilderung ist in jenem differenzierten, nuancenreichen Grauton gehalten, der allen in den Augen brennt, die nur Schwarz oder Weiß akzeptieren wollen.

          "Balaton-Brigade" war der inoffizielle Name einer Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit, die für die Überwachung der DDR-Bürger während ihres Urlaubs am Plattensee zuständig war. Unter den wenigen attraktiven Reisezielen, die Ostdeutschen zugänglich waren, zählte Ungarn zu den beliebtesten. Man konnte dort modische Kleidung und Konsumgüter aus dem Westen kaufen, Kontakte zu Westlern knüpfen oder sogar Familienmitglieder aus der Bundesrepublik treffen. Daß man sich dabei freier und ungezwungener glaubte, als man tatsächlich war, konnte der Stasi nur recht sein. Im Urlaub, so das Kalkül der Spitzelorganisation, zeigt womöglich mancher vermeintlich brave Genosse sein wahres Gesicht.

          Was aber ist das wahre Gesicht des Stasi-Offiziers Joseph Klempner? Sieben Spaziergänge umfaßt diese Erzählung, und am Ende hat Klempner alles verloren - außer seinem blinden Gehorsam. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter will ihn nicht mehr sehen, und sein Enkel fehlt ihm noch mehr als der Staat, in dessen Dienst und Auftrag er die eigene Familie zerstört hat. Joseph Klempner fühlt sich schuldig, aber er gibt die Schuld nicht der Stasi, sondern allein sich selbst: "Wäre das System noch da, so würde ich ihm weiterhin dienen."

          Jeder Spaziergang ist ein Monolog, in dem Klempner einem stummen Begleiter aus seinem Leben erzählt. Dieser Bericht beginnt im November 1988, als Klempner zum Hauptmann befördert wird. Gleichzeitig wird ihm die Versetzung an den Balaton für den folgenden Sommer angekündigt. Bevor es soweit ist, muß Klempner noch ein Problem lösen, das sowohl privater wie auch dienstlicher Natur ist. Seine Tochter Tamara hat eine Liebschaft mit einem in West-Berlin lebenden Exil-Chilenen angefangen, der zwar aus gutem kommunistischem Elternhaus stammt, aber der Stasi gleichwohl höchst verdächtig ist. Dieser Juan ist ein überzeugter Linker, der an Reformen glaubt - ein Trotzkist also.

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