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: Das wahre Gesicht des Joseph Klempner

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Klempner wird von seinem Vorgesetzten dazu gebracht, die eigene Tochter auszuspionieren, und als Tamara drei Jahre nach der Wende ihre Stasi-Akte in Händen hält, erfährt sie alle Details des Operativen Vorgangs "Vencemeros", in dem sie als Muchacha, der heißblütige Juan als Muchacho und ihr spionierender Vater als El Padre geführt wurden. Sie bricht den Kontakt zu ihrem Vater ab, obwohl dieser sich rührend um die alleinerziehende Mutter und seinen Enkel Ernesto Che gekümmert hatte, um einen Teil seiner Schuld abzutragen. Am Ende ist Klempner völlig isoliert. Sein einziger Gesprächspartner ist der kranke Dackel Hugo, und sogar der ist ein Geschöpf der Stasi. Denn Hugo kam auf Geheiß von Klempners Vorgesetztem in die Familie: Er ist das Versöhnungsgeschenk, das Klempner seiner Tochter nach einem heftigen Streit wegen Juan gemacht hat. Die Versöhnung aber war nötig, damit Klempner seine Tochter und deren Freund besser bespitzeln konnte. So zeigt Dalos, wie die Stasi auch das Leben derer vergiftete, die ihr dienten.

Soll hier also ein Täter zum Opfer erklärt werden? So einfach ist die Sache nicht. Dalos hätte kaum Grund, einen Überwachungsapparat wie die Stasi zu verharmlosen. Er selbst wurde 1968 in Ungarn im sogenannten Maoisten-Prozeß verurteilt und durfte neunzehn Jahre lang in seiner Heimat kein Buch publizieren. Wegen seiner Kontakte zu DDR-Schriftstellern hat die Stasi auch ihn überwacht. Dalos kennt seine Akte, und er kennt die Balaton-Brigade, denn er hat deren Treiben für sein Buch genau recherchiert.

Anders als im vielgerühmten Film "Das Leben der anderen" durchläuft die Hauptfigur in Dalos' Erzählung keinen Prozeß des Zweifels und der Läuterung. Ulrich Mühe spielt einen Stasi-Offizier, der Sympathie und Verständnis für seine Opfer und Zweifel am eigenen Tun entwickelt. Dalos zeigt einen Stasi-Mann, der seine Opfer liebt, denn es handelt sich um die eigene Familie, der aber den Dienst am Staat über das eigene Wohl stellt. Daß Dalos nachvollziehbar macht, wie etwas Derartiges möglich ist, darin liegt die große Leistung dieser Erzählung.

Daß sie gelingen kann, verdankt sich einem einfachen Kunstgriff des Autors. Mit dem Ungarn-Deutschen Klempner, der als Kind in die DDR kam und über seinen väterlichen Freund, den späteren Major Frickhelm, rasch Kontakt zur Stasi bekam, zeichnet Dalos einen Mann, der weder eine Heimat noch eine Identität hat. Die Entfremdungsprozesse zwischen Mann und Frau, Vater und Tochter, Bürger und Staat bemerkt Klempner nicht, denn Fremdheit ist sein Lebensgefühl.

"Das Leben der anderen" gilt als der erste Spielfilm, der die Stasi ins Zentrum stellt. "Die Balaton-Brigade" geht noch einen Schritt weiter, und es mag sein, daß es für diesen Schritt zu früh ist. Denn Dalos hat das erste Buch nach dem Zusammenbruch der DDR geschrieben, das die Stasi auch als Opfer ihrer selbst zeigt. Der Vorwurf der Verharmlosung der Stasi-Untaten ist jedoch nicht angebracht. Klempner ist schuldig, und er bezahlt für seine Untat. Dalos geht es um etwas ganz anderes: Er ist davon überzeugt, daß ein System wie die Stasi ohne die Beteiligung ganz normaler Menschen nicht möglich war. Wie aber war es möglich, daß ganz normale Menschen für einen solchen Apparat gearbeitet haben? Klempners Geschichte gibt darauf eine Antwort. Daß Dalos' Hauptfigur kein Sadist ist und kein Fanatiker, nicht einmal ein böser Mensch, das macht nicht ihn unheimlicher, sondern den Staat, dem Joseph Klempner so bedingungslos dienen wollte.

HUBERT SPIEGEL

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