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: Das Verbrechen im Kopf

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Es war in einem überfüllten Flughafencafé in Berlin-Tegel vor ein paar Tagen. An meinem Tisch saß ein dickes Rentnerpaar und schwieg. Ihr Schweigen schien schon eine Ewigkeit zu dauern. Ich las in dem Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell, war etwa auf Seite 1000 angekommen und unterstrich Sätze, die mir wichtig erschienen.

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          Es war in einem überfüllten Flughafencafé in Berlin-Tegel vor ein paar Tagen. An meinem Tisch saß ein dickes Rentnerpaar und schwieg. Ihr Schweigen schien schon eine Ewigkeit zu dauern. Ich las in dem Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell, war etwa auf Seite 1000 angekommen und unterstrich Sätze, die mir wichtig erschienen. Plötzlich ruft die Frau mir gegenüber aus der Stille heraus: "Das ist aber ein starker Satz!" - "Was meinen Sie, bitte?" - "Na, der Satz, den Sie da eben unterstrichen haben. Der ist doch unglaublich stark!" Ich schaue auf den Satz vor mir auf dem Papier, schaue, halb verärgert, halb erstaunt, zu der Frau. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie die ganze Zeit mitgelesen hatte. Was wollte sie? Was war das für ein Satz?

          "Doch wenn die Vergangenheit erst einmal die Zähne in euer Fleisch geschlagen hat, lässt sie euch nicht mehr los."

          Ihr plötzliches Bekenntnis ist mir unheimlich. Sie fügt noch schnell hinzu, dass sie den Satz nicht nur für stark, sondern auch für sehr, sehr wahr halte, will alles über das Buch wissen, in dem ein solcher Satz steht, und gibt dann ihrem immer noch schweigenden Mann ein entschlossenes Zeichen zum Aufbruch. Die beiden sind weg. Der Satz bleibt da.

          Und? Was ist das für ein Buch? Ein schreckliches Buch, ein Horrorbuch, grauenhaft, kitschig, brutal, pervers und obszön! Ein Buch über den Holocaust aus der Sicht eines Täters. Der SS-Obersturmbannführer Dr. iur. Maximilian Aue, schwul, Platonleser, leidenschaftlicher Verehrer von klassischer Bildung und Klaviermusik, in inzestuöser Radikalliebe seiner Zwillingsschwester verfallen, begleitet als beobachtender Täter die deutschen Truppen nach Osten und wieder zurück. Er ist bei den ersten Massenerschießungen in der Ukraine und im Kaukasus dabei, er ist eingeschlossen im Kessel von Stalingrad, er ist im Paris der Kollaborateure, immer wieder in Berlin, in den Lagern und Gaskammern von Auschwitz und am Ende in rasender Flucht auf dem Weg zurück nach Berlin, schließlich beim letzten Konzert der Philharmoniker in der Staatsoper, im Führerbunker, am Ende ganz allein am Zoo inmitten einer untergehenden Welt.

          Dieses Buch, das in Frankreich vor anderthalb Jahren erschien, dort die wichtigsten Literaturpreise gewann, 800 000 Mal verkauft wurde und heftige Debatten über die Möglichkeiten der Darstellung des Holocausts heute auslöste, hat auf den ersten Blick alles, was ein Buch nicht braucht. Es reiht Abstoßendes an Abstoßendes, Klischee an Klischee. Als mich ein Kollege nach zweihundert Seiten um eine erste Einschätzung bat, schrieb ich eine Mail voller Verwünschungen. Ich hasste dieses Buch von der ersten Seite, vom ersten Satz an: "Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist." Alles an diesem ersten Satz ist furchtbar. Der Predigerton, die klebrig-umschlingende Brudergeste und die freche Wahrheitsbehauptung "wie es gewesen ist". Und dass der Erzähler all diese Leserbedenken gleich im zweiten Satz aufnimmt und scheinbar gegen sich selber wendet, macht die Sache eher noch unangenehmer: "Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen."

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