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: Das schlechte Gewissen können wir kaufen

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Aber bald setzt eine Erziehungs- und Medienkampagne der wohlmeinenden Intelligenz ein. Als die ersten Fernsehnachrichten schreckliche Bilder vom Leben an Bord der Flüchtlingsschiffe bringen, entdecken "65 742 Lehrer in der gleichen Sekunde das Arbeitsthema für den Unterricht vom nächsten Tag. ,Beschreibt das Leben an Bord der Schiffe der unglücklichen Armada. Schreibt, was für Gefühle ihr für sie hegt, wobei ihr zum Beispiel davon ausgeht, daß eine dieser verzweifelten Familien euch um Gastfreundschaft bittet.' 7212 Oberschullehrer wollen am folgenden Tag den Unterricht mit einer Aussprache über Rassismus beginnen." Und die anderen Medien halten mit, vor allem der Kommentator Durfort, dessen Maxime lautet: "Seien Sie ein Mensch unserer Zeit! Kaufen Sie Ihr schlechtes Gewissen!" Raspail geht die Stufenleiter der gesellschaftlichen Reaktionen durch, bis zu dem kinderlosen Arbeiterehepaar, das drei Zimmer bewohnt und sich vor der arabischen Familie zu schämen beginnt, die zu acht in zwei Zimmern haust. Bald wird, durch nichts anderes motiviert als bestimmte Blicke im Treppenhaus, der Wohnungstausch ins Auge gefaßt.

Dies alles spielt sich ab, noch bevor die "Armada" gelandet ist. Das Unheimliche ist gerade die Gewaltlosigkeit des Angriffs. An einer der eindrucksvollsten Stellen seines Romans erzählt Raspail von einem britischen Demonstrationszug, zu dem die Zuwanderer des ganzen Landes anreisen: Die Demonstranten kaufen ordnungsgemäß ihre Fahrscheine für die Bahn, sie zerstören nichts, nur ihre Zahl ist es, die als stille Drohung wirkt: "Ein in einem Abteil zuerst eingestiegener Gentleman blieb friedlich auf seinem Platz sitzen, während auf den weiteren Plätzen vierzehn Schwarze einander auf den Knien saßen und achtgaben, den Weißen bei der Lektüre der ,Times' nicht zu stören. Zwei Minuten vor der Abfahrt erhob sich der Gentleman, grüßte, murmelte etwas und verschwand auf dem Bahnsteig. Niemand hatte ihn verjagt, er war von selbst gegangen ..." So und nicht anders, das sagen uns die Demographen, ist es in Stadtvierteln, in denen die Mehrheitsverhältnisse einmal gekippt sind: Wer es sich leisten kann, zieht weg.

Raspails Roman ist grotesk-apokalyptisch bis zur Obszönität, er schwelgt im Häßlichen, Grausamen, und vielleicht war dies der Preis für die visionäre Kraft. Der Autor verlängerte, wie Orwell in der negativen Utopie "1984", die Linien seiner Gegenwart. Die traurigste Rolle spielen die Kerenskis der multikulturellen Gesellschaft - jene, die an Dialog glauben, aber gleich vom ersten Ansturm am Strand überrannt werden. Zu diesen Gutgläubigen gehören im Roman auch die Vertreter der Kirche, deren nachkonziliare Entwicklung Raspail mit Erbitterung sah. Benedikt XVI. ist hier Brasilianer. Die Schätze des Vatikans hat er - wie Paul VI. die Papstkrone - verkaufen lassen, um den Armen zu helfen. Überall herrscht die neue Religion der Ökumene - für Raspail die Lehre des Antichrist. Man trifft sich zum Hungerstreik für die Migranten in einer Abtei, deren Leiter Dom Vincent Laréole eigens zu diesem Zweck von einem buddhistischen Kongreß in Kioto zurückgekehrt ist. Eine deutsche Ausgabe des Romans, der in Frankreich ein Bestseller war, erschien 1985, leider in einem obskuren Verlag. Sie ist seit langem vergriffen.

LORENZ JÄGER

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