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Micheil Dschawachischwili : Woher nur dieser Hass?

Ende des 19. Jahrhunderts fotografierte Dimitri Jermakow diesen Teppichladen in Majdan, einem Vorort von Tiflis Bild: Picture-Alliance

Kühler Blick, waches Herz: In „Das Samtkleid“ erzählt Micheil Dschawachischwili aus Georgien. Man ahnt, warum Stalin diesen Autor als Feind betrachten und fürchten musste.

          „Keine psychologische Beschreibung, dafür jede Handlung durchtränkt von Psychologie“, so formuliert der georgische Autor Micheil Dschawachischwili in einem Notizbuch sein literarisches Credo und zeigt darin eine Verwandtschaft mit Autoren wie Tschechow oder Maupassant. Tatsächlich beginnt er seine literarische Karriere in diesem Geist, zugleich aber, was das Sujet angeht, mit einer ausgesprochenen Hinwendung zu denjenigen, die in der aufgeregten und prosperierenden Zeit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert unter die Räder geraten. Etwa in der Erzählung „Die Belohnung“ von 1905, die von einem georgischen Soldaten erzählt, der für den Zar gegen aufständische Landsleute eingesetzt wird, einen von ihnen im Straßenkampf tötet und daran fast zerbricht. Sie findet sich im Band „Das Samtkleid“, der einige der besten Erzählungen Dschawachischwilis bündelt, die meisten von ihnen erstmals auf Deutsch und in der Übersetzung Kristiane Lichtenfelds.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dschawachischwili registriert, was ist, er beschreibt es mit Distanz und scheinbar objektiv, er sieht diejenigen, über die er schreibt, von außen, ganz so, als wäre er nicht ihr Schöpfer, als dirigierte er nicht als Autor das Geschehen, sondern als beobachtete er, mitunter geradezu erstaunt, was sich vor seinem Fenster abspielt. Zugleich aber lässt diese Perspektive auch Raum für Emotionen, für Phantasien bis zu Visionen, wenn etwa ein Witwer das titelgebende Samtkleid seiner Frau in seiner Vorstellung buchstäblich belebt und vergeblich auf dessen Reaktion wartet.

          Das Verfahren lässt sich ausgezeichnet in Dschawachischwilis frühem Meisterwerk beobachten, der Erzählung „Tschantschura“ von 1903, die allein schon den Kauf dieses Sammelbandes wert ist. Sie erzählt von einem Außenseiter, dem stummen Zwerg Tschantschura, der sich in Tiflis im Bereich der Markthalle herumtreibt, für seinen Lebensunterhalt bettelt und zum Ziel der Aggressionen eines Jungen wird, dem Sohn eines Metzgers. Er ist nur einer von vielen, die Tschantschura regelmäßig verspotten oder tätlich drangsalieren, nur dass ihm die Sache spürbar ernster ist als den anderen. Woher sein Hass auf den Zwerg kommt, ist unklar, aber Dschawachischwilis Kunst, die das Opfer des Jungen oft genug aus der Perspektive des Peinigers schildert, zeigt dessen Lust am Quälen so kühl und selbstverständlich, dass sie den Leser nur noch mehr schockiert – Tschantschuras Tod, so ahnt man, wird jene Aggression nicht aus der Welt schaffen, die sich an ihn knüpfte und sich nun an einen anderen knüpfen wird.

          Micheil Dschawachischwili: „Das Samtkleid“. Erzählungen. Aus dem Georgischen von Kristiane Lichtenfeld u. a. Arco Verlag, Wuppertal 2018. 248 S., geb., 22,– Euro.

          Geboren wurde Dschawachischwili 1880 in Südgeorgien als Sohn eines Bauern, sein Studium musste er abbrechen. Er begann zu schreiben, engagierte sich gegen die Zarenherrschaft und musste Georgien verlassen. Nach seiner heimlichen Rückkehr wurde er neuerlich verhaftet und deportiert. In der kurzen Blüte der ersten Republik des unabhängigen Georgiens diente er der Regierung, bevor das Land neuerlich von Russland besetzt und bald in die Sowjetunion integriert wurde.

          Liest man die späten Erzählungen dieses Bandes, etwa „Ladmichein“ von 1928, dann ahnt man, warum Stalin diesen Autor als Feind betrachten und fürchten musste. Sie schildert, wie unter der neuen Herrschaft den Vermögenden das Land genommen wird, wie diejenigen, die bislang darauf gearbeitet haben, es nun in Besitz nehmen, und zugleich, wie dieses Besitzrecht aber der Willkür der Herrschenden unterworfen ist, was einen Gärtner schließlich ins Elend treibt. „Versteh doch, Mann, versteh doch! Hier geht es nicht um Gerechtigkeit, hier geht es um das, was ist!“, sagt ihm seine Frau. Dschawachischwili, der es dabei nicht belassen wollte, sollte bereits 1924 hingerichtet werden. 1937 fiel er dann, gemeinsam mit zahlreichen anderen georgischen Intellektuellen, dem Terror Stalins zum Opfer.

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