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Romandebüt von George Saunders : Was, wenn die Geister nicht loslassen können?

Präsident im Krieg und trauernder Vater: Abraham Lincoln in einer Fotografie von 1862, dem Jahr, in dem sein elfjähriger Sohn Willie an Typhus starb. Bild: mauritius images

„Lincoln im Bardo“ heißt der sagenhafte Debütroman des amerikanischen Erzählers George Saunders. Hier haben die Geister Angst vor dem, was kommt. Darin sind sie den Lebenden nicht unähnlich.

          George Saunders flog einmal nach Chicago, als das Flugzeug plötzlich fürchterliche Geräusche machte. Atemmasken fielen von der Kabinendecke, Rauch stieg auf, und alle an Bord schrien um ihr Leben. Der amerikanische Schriftsteller konnte zwar den Jungen neben sich halbwegs beruhigen, doch in Wahrheit dachte er, seine letzte Stunde habe geschlagen. Er war wie von Sinnen, wusste nicht mehr, wie er heißt, „wie in einem Batman-Film“ sei das gewesen, erinnerte er sich Jahre später in einem Gespräch an den Moment, der in seiner Beschreibung allerdings eher klingt wie aus einer seiner phantastisch-grotesken Erzählungen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am Ende stürzte das Flugzeug natürlich nicht ab, sondern landete wohlbehalten auf dem Flughafen. An den folgenden Tagen aber hatte Saunders nur einen Gedanken im Kopf: wie wunderschön die Welt ist. Und er fragte sich, wie sich diese ins Hypersensible gesteigerte Wahrnehmung für die Dinge des Lebens, seine Schönheit, aber auch seine Grausamkeit, auf Dauer aufrechterhalten ließe. Man müsse sich im Klaren darüber sein, dass alles ende, schloss der Autor seine biographische Miniatur, „das ist der Trick“.

          Vom Ende her betrachtet

          Der Trick, also der Gedanke, das Leben von seinem Ende her zu betrachten, geistert nun auch heftig durch das lange erwartete Romandebüt des vor sechzig Jahren im texanischen Amarillo geborenen Autors. Als Kurzgeschichtenerzähler bekannt geworden, verlegt Saunders seinen ersten Langtext an einen Ort, an dem zumindest alles irdische Leben an sein Ende gelangt, auf einen Friedhof. Und nicht nur das. In „Lincoln im Bardo“, dieser verstörend-irrwitzigen Stimmencollage, die in Frank Heiberts Übersetzung jetzt auch auf Deutsch vorliegt, sind tatsächlich alle Protagonisten bis auf zwei nicht mehr am Leben.

          Es sind die Toten, die hier in einer einzigen langen Nacht von sich reden machen, und das nicht etwa andächtig oder verhalten, sondern mit ordentlichem Getöse. Sie geifern und poltern, streiten und erfinden Worte, als säßen sie in Wahrheit dort, wo nach dem Trösterich der Alkohol in Mengen fließt. In dieser kalten Februarnacht des Jahres 1862 aber haben sie tatsächlich eine Mission, es geht ihnen dabei um Leben und Tod oder, genauer: um Tod oder Tod.

          Phantasiespiele und Miniaturmonologe

          Man konnte sich ausmalen, dass der Geophysiker Saunders, der für Ölfirmen im Dschungel von Sumatra gearbeitet hat, ehe er sich dem Schreiben zuwandte (heute lehrt er Literatur an der Universität in Syracuse), seinen ersten Roman keinesfalls in ein klassisches Setting packen würde. Auch in seinen Erzählbänden wie zuletzt „Zehnter September“ verschiebt er die Realität ein ums andere Mal in die Spekulation. Seine Geschichten sind Phantasiespiele, in der die Welt nie von einem übergeordneten Standpunkt, sondern aus dem Innersten der Figuren heraus betrachtet wird. „Lincoln im Bardo“, worin Anklänge an die Romantik ebenso stecken wie an Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“, ist ähnlich konstruiert. Die Geister, es sind gleich mehrere Dutzend, die hier um ihr Leben reden, werden durch keine ordnende Hand miteinander verbunden. Eigentlich sind ihre Einlassungen Miniaturmonologe, die, mal ein paar Zeilen lang, mal ein paar Seiten, sich erst in Saunders’ Montage zum dialogischen Chor vereinen.

          Man braucht etwas, um sich darauf einzulassen. Weil der Autor einen auf unbekanntes Terrain führt. Und der stakkatohafte Wechsel der Stimmen, der über die gesamte Strecke durchgehalten wird, zunächst verwirrend ist. Das liest sich eher wie ein Theaterstück oder ein Drehbuch und nicht wie ein Roman. Gerade der formale Zugriff aber entwickelt auf die Dauer eine Intensität, die sich mit der Spannung deckt, in der die Protagonisten selbst stecken.

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