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: Das Rätsel des pädophilen Exilkönigs

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Als das grandioseste Schachproblem aller Zeiten komponiert wurde, lebte Vladimir Nabokov schon nicht mehr; aber es hätte ihm, der selber im Problemschach aktiv war, gefallen. Das Rätsel stammt von Nikita Plaksin und lautet "Weiß am Zug hält remis" (Shakhmaty v SSSR, Juli 1980). Der holländische Romancier ...

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          Als das grandioseste Schachproblem aller Zeiten komponiert wurde, lebte Vladimir Nabokov schon nicht mehr; aber es hätte ihm, der selber im Problemschach aktiv war, gefallen. Das Rätsel stammt von Nikita Plaksin und lautet "Weiß am Zug hält remis" (Shakhmaty v SSSR, Juli 1980). Der holländische Romancier und Schachspieler Tim Krabbé hat gewarnt, es koste die Gesundheit, über die Lösung länger nachzudenken. Sie ist phantastisch: Man vermag aus der Stellung durch eine sagenhaft komplizierte Rückwärtsanalyse herauszufinden, dass in ihr aufgrund umständlicher Manöver, die allein erklären, weshalb die Figuren jetzt da stehen, wo sie stehen, seit fünfzig Zügen kein Bauer mehr geschlagen worden sein kann. Eine Schachpartie aber ist remis, wenn in ihr mehr als fünfzig Züge lang kein Bauer geschlagen wurde. Doch nicht irgendein 51. Zug von Weiß beweist, dass dem hier tatsächlich so war, sondern nur die lange Rochade des weißen Königs - der Lösungszug! Sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen, eines der größten Kunstwerke menschlicher Kombinatorik.

          Der Roman "Fahles Feuer" ähnelt diesem Problem. Zunächst darin, dass er ein absichtsvoll konstruiertes Rätsel ist, und zwar eines für Leute, die ein bisschen Zeit haben. Von Nabokov stammt der Satz, man könne Romane nicht lesen, sondern nur wiederlesen. Für diesen hier ist das eine Untertreibung. Die Bemerkung des Herausgebers, es lasse sich "Fahles Feuer" auch genießen, ohne an ihm herumzurätseln, ist gut gemeint, aber irreführend. Entsprechend war bis vor kurzem auch noch die deutsche Erstausgabe erhältlich; nicht einmal sechstausend Exemplare wurden seit 1969 verkauft. Und das, obwohl "Fahles Feuer" der Roman Nabokovs war, der auf "Lolita" folgte, die ja weit herumgekommen ist. Insofern ist es anlässlich der Neuedition nicht überflüssig, an den Inhalt dieses merkwürdigen Buches zu erinnern.

          Im Vorwort kündigt ein Dr. Charles Kinbote an, das letzte Gedicht des gerade, am 21. Juli 1959, verstorbenen, genauer: irrtümlich ermordeten Schriftstellers John Francis Shade, 999 Zeilen lang und auf achtzig Karteikarten überliefert, kommentiert herauszugeben. Schon dieses Vorwort enthält irritierende Zeilen, unverständliche Vorgriffe, befremdliche Ausführlichkeit. Hier scheint etwas nicht zu stimmen. Es folgt das Gedicht, das in vier Gesängen von Shades Leben, dem Selbstmord seiner Tochter, der Trauer und der Frage handelt, was von der Entschwundenen bleibt. "Ich war der Schatten eines Seidenschwanzes / erschlagen vom falschen Blau der Fensterscheibe" - der Schmetterling, der gegen das Glas fliegt, als Bild des Menschen, der nicht auf die Seite dessen kommt, was vergangen ist. Das Gedicht ist ergreifend.

          Dann aber kommen die Anmerkungen. Kinbote kommentiert philologisch lausig, aufgeblasen, dafür umso phantasievoller, was die Behauptung angeht, in den Versen gehe es eigentlich um seine, Kinbotes, Geschichte. Und die ist haarsträubend. Er selber ist, muss man annehmen, der sexuell extravagante König Carl II., "der Vielgeliebte" des Landes Zembla, irgendwo in Nordosteuropa nahe Russland - Sprachprobe: "belwif ivurkumpf wid snewebanumpf" -, der sich, durch eine Revolution ins Exil vertrieben, in der kleinen amerikanischen Universitätsstadt New Wye zufällig in der Nachbarschaft John Shades niedergelasssen hat. Die irre Logik des Kommentars: Kinbote hat Shade offenbar wieder und wieder von Zembla erzählt. Im Gedicht findet sich zwar kein Wort von diesem "großartigen Material", aber das müsse auf einer Säuberung von Vorfassungen beruhen. Ein "zur Hälfte getilgter Entwurf", in dem stehe: "Ah, ich darf nicht vergessen, noch zu sagen, / Was mir mein Freund erzählt von 'nem gewissen König hat", wird zweihundert Kommentarseiten später von Kinbote als die einzige Fälschung zugegeben, deren er sich schuldig gemacht habe. Wer's bis dahin geglaubt hat, tut es nun nicht mehr.

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