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: Das Öl der frühen Jahre

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Der Kampf gegen die Ölpest beginnt im Badezimmer. Dort mixt der gelernte Koch Siegfried Kuhn unverdrossen verschiedene Substanzen, fügt Salbei zu Granitmehl, Ingwer zu Backpulver, immer auf der Suche nach der einen Rezeptur, die Wasser mit Fett versöhnt, die also ölverschmutzte Brühe zurück in Trinkwasser verwandeln kann.

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          Der Kampf gegen die Ölpest beginnt im Badezimmer. Dort mixt der gelernte Koch Siegfried Kuhn unverdrossen verschiedene Substanzen, fügt Salbei zu Granitmehl, Ingwer zu Backpulver, immer auf der Suche nach der einen Rezeptur, die Wasser mit Fett versöhnt, die also ölverschmutzte Brühe zurück in Trinkwasser verwandeln kann. Das Unglaubliche gelingt tatsächlich: Beim einhundertunddritten Versuch steht der moderne Alchimist vor einem Marmeladenglas mit reinem Wasser, das Wundermittel ist gefunden.

          Nur will niemand von der phantastischen Seife etwas wissen. Obwohl der Hobby-Chemiker einwandfreie Expertisen vorweisen kann, schicken ihm die großen Industriekonzerne Absage um Absage, die Umweltverbände ebenso. Als der glücklose Erfinder schließlich an die ölverschmutzte Küste Nordspaniens reist, einen Kanister mit seiner wundertätigen Flüssigseife im Gepäck, hat er keine Chance, auch nur einen Tropfen davon ins stinkende Wasser zu geben. Das Schicksal, ignoriert zu werden, teilen große Genies bekanntlich mit grandiosen Spinnern. Erwin Koch läßt die Leser seines klug komponierten Romans bis zum Ende im unklaren, zu welcher der beiden Kategorien sein Seifenkoch denn nun gehört.

          Um so anschaulicher zeichnet der Schweizer Autor den Lebensweg eines Mannes nach, der von Beginn an auf der Seite der Verlierer steht und dennoch an das große Glück glaubt. Geboren in einer Bombennacht im April 1944, wächst der immer hungrige Knabe unter den Entbehrungen der deutschen Nachkriegszeit auf. In einer Welt, in der gesottene Schweineschwänze und schwarz geschlachtete Mettwürste zu den höchsten Genüssen zählen, scheint die Berufswahl vorgezeichnet: Priester soll der aufgeweckte Junge werden, heißt es zunächst, denn in der Klosterschule gebe es immer genug zu essen. Die fromme Hoffnung erfüllt sich nicht. Nachdem der Teenager von den Patres beim Diebstahl von Kondensmilch erwischt wird, bleibt dem schändlich Ausgestoßenen nur noch der Weg in eine Kochlehre. Köche hungern nicht, weiß die kluge Mutter ihren Sohn zu trösten.

          Als junger Koch wandert Siegfried Kuhn in die Schweiz aus, und dort erlebt er die bescheidenen Freuden des Wirtschaftswunders. Das Flambieren wird schnell zu seiner Spezialität, nachdem er einst mitten auf dem zugefrorenen Bodensee staunend den Duft von Crêpes Suzette eingesogen und dem Flammenspiel des brennenden Cognacs zugesehen hat. Flambierte Kutteln bescheren dem erfindungsreichen Küchenmeister eine Zeitlang den Ruf besonderer Exklusivität, aber erst ganz am Ende des Buches wird offenbar, welch makabre Wendung Kuhns Lust am Flambieren noch nehmen wird.

          Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein und erst recht nicht von flambierten Innereien, und so macht es sich Siegfried Kuhn eben schließlich zur Lebensaufgabe, ein Rezept gegen die Ölpest zu finden. Über den immer fanatischer betriebenen Versuchen im heimischen Badezimmer verliert er alle Anstellungen, seine Ehe zerbricht, seine längst erwachsene Tochter zieht sich mehr und mehr von ihm zurück. Das alles kann den Erfinder nicht bremsen. Schließlich greift er zu einem gewaltsamen Mittel, um die Welt und die örtliche Ölwehr von den Vorzügen seiner Wunderseife zu überzeugen: Heimlich öffnet er mitten in der Nacht die Ölfässer jener Tankstelle, deren Besitzer ihn einst gedemütigt hat. Die Spannung, mit der Kuhn den Anruf erwartet, der ihn als Retter zu der Unglücksstelle rufen soll, strukturiert den Roman seit der ersten Seite und führt zu einer überraschenden Auflösung. Sie läßt den einst gefeierten Flambeur am Ende einsehen, wie sehr er sich mit allen seinen Plänen verrechnet hat.

          Der 1956 geborene Journalist Erwin Koch hatte bereits vor einigen Jahren in einer Reportage die Geschichte eines Mannes erzählt, der sich auf die Suche nach einem Wundermittel gegen das Öl macht; veröffentlicht wurde sie, zusammen mit anderen lesenswerten Berichten, in dem Sammelband "Wir weinen nicht" (2002). Wir dürfen also vermuten, daß die Romanfigur Siegfried Kuhn ein reales Vorbild hat. Die Frage nach der Authentizität des Erzählten wird aber bei der Lektüre des Romans immer mehr zur Nebensache. Denn Erwin Koch gelingt es mit den Mitteln der Fiktion, aus dem interessanten Einzelfall die beklemmende Schilderung eines Sonderlings zu machen, dessen Schicksal stellvertretend für die Erfahrungen einer ganzen Generation gelesen werden kann. Die unerfüllten Träume des hungrigen Seifenkochs gewinnen ihre eigentliche Kontur vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit und des deutschen Wirtschaftswunders, das allen Hungernden die fortdauernde Stillung ihrer Bedürfnisse zu versprechen scheint - "Henckell trocken" und "Toast Hawaii" als Vorboten des Himmelreichs auf Erden, für jedermann erreichbar.

          Lesenswert ist das Buch aber vor allem wegen seiner meisterhaften Sprache. Erwin Koch knüpft ein dichtes Netz von Leitmotiven, das an die großen Novellen des neunzehnten Jahrhunderts erinnert, doch verfällt er dabei nie in Manieriertheit oder blasse Epigonalität. Im Gegenteil: Die Lakonik der Erzählung, die unvermittelten Sprünge zwischen Zeitebenen und die souverän geübte Technik der Aussparung zeigen, wie sehr der kleine Roman in der Tradition der Moderne steht. Es wird gern behauptet, daß sich erzählerische Spannung und sprachliche Sorgfalt so schwer miteinander verbinden lassen wie Wasser und Öl. Hier kann man sich davon überzeugen, daß die Literatur solche Vereinigung des Disparaten eben doch hin und wieder möglich macht.

          SABINE DOERING

          Erwin Koch: "Der Flambeur". Roman. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München und Wien 2005. 188 S., geb., 17,90 [Euro].

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