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: Das muss man laut lesen

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Die beste Einführung zu Anja Utlers Dichtung gibt Herder: "Was also ist der Schall anders als die Stimme aller bewegten Körper, aus ihrem Innern hervor? Ihr Leiden, ihren Widerstand, ihre erregten Kräfte andern harmonischen Wesen laut oder leise verkündend?" Utlers Gedichte zeigen, wie sich mit dem Körper und gegen seinen Widerstand Atem in Stimme verwandelt.

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          Die beste Einführung zu Anja Utlers Dichtung gibt Herder: "Was also ist der Schall anders als die Stimme aller bewegten Körper, aus ihrem Innern hervor? Ihr Leiden, ihren Widerstand, ihre erregten Kräfte andern harmonischen Wesen laut oder leise verkündend?" Utlers Gedichte zeigen, wie sich mit dem Körper und gegen seinen Widerstand Atem in Stimme verwandelt. Prägte diese Anthropologie des Ausdrucks schon Utlers Debüt "münden-entzüngeln", so wird ihr Dichten nun um die Polyphonie eines mehrspaltigen Druckbildes und ein Hörbuch erweitert.

          In wiederholenden Schleifen und variierenden Überblendungen entfaltet sich Sprache zu Körperlichkeit, zunächst spröde, dann klingend. Und auch der intellektuelle Gehalt hält stand. Dies beginnt mit dem Titel "brinnen". Die mittelhochdeutsche Form für "brennen" verschmilzt für moderne Ohren mit "rinnen". Überlegt man, worauf dieser semantische Komplex zutrifft, so ist es die Reaktion des Körpers auf Salzwasser und die des Auges auf starken Reiz. Hatte Anja Utler im vorigen Band den Kehlkopf mit einer Flusslandschaft in eins gesetzt, so verschränkt sie nun Meeresküsten, Krusten und Flechten auf Steinen mit schorfiger Haut, Lippen und trockenem Auge. Die in Schmerz und Lust wahrgenommene Körpergrenze wird in der Struktur von Atem und Sprache nachgezeichnet: rauh, hart, brennend - oder gleitend, glucksend und beglückend.

          Rhythmisierung, Interpunktion und artifizielle Worttrennung treiben die Silben hervor, spielen mit Spiegelungen und Variationen von Lauten, bis das "ich" sich momentlang als bloßer Reibelaut wahrnimmt oder bis das Wort "sage" zwischen Imperativ, erster Person und Substantiv zu schillern beginnt. Semiotik, von anderen Dichtern meistens nur flott herbeizitiert, wird bei Utler sinnliches Prinzip. Die modernen Theoreme, dass Bedeutung nur aus Differenz entstehe und letztlich nichts als der materielle Zeichenträger bleibe, werden beim Wort genommen und poetisch widerlegt, denn es braucht mehr, um Bedeutung zu erzeugen. Was das aber ist, das man einst Geist nannte, zeigt sich nicht im Computer-Tomographen, sondern zwischen den Silben im Übergang von Geräusch zu Sprache. Und in tastenden Sätzen, deren Anfang und Ende oft nicht markiert sind, geschieht das Paradox: "das zwischen: singt". Diese Formel benennt jenen flirrenden Effekt, der beim Wort-für-Wort-Lesen entsteht. Heikel wird es erst, wenn man das "zwischen" erotisch liest. Denn aus Salz auf der Haut beziehen auch Trivialromane und Pop-Lyrik ihren Kitzel. Bei Utler gibt es natürlich keinen gängigen Schamanen-Beachgirl-Kitsch, sondern Beobachtungen in einem Wortfeld, das durch die zweite Person polarisiert wird.

          Einige Routinen im Celan-Stil ("blicklings, so: ineinander geschwirrt") sind stehengeblieben, doch sonst ist das Buch ein bis ins Detail sorgfältig komponiertes Triptychon: Exposition des Materials und Durchführung, auf die ein "Marsyas" betitelter Schlussteil folgt. Die radikale Ausdrucksbewegung, die mit dem modulierten Seufzer "ach! sich betrachten das: ..." anhebt, führt zur extremen Entäußerung, gefasst in den Mythos von der Schindung eines irdischen Sängers durch den Gott. Von ferne erinnert die reflexive Thematik an Paul Valérys "Junge Parze". Während Valéry in vollkommenen Alexandrinern den reinen Akt erwachenden Bewusstseins zu fassen sucht, entfalten Utlers gebrochene Daktylen und Anapäste den Akt der Äußerung, die Spaltung in verschiedene Personen. Die Vivisektion der Sprache legt offen, wodurch wir nicht nur Materie wie Wasser und Stein, sondern tatsächlich lebendig sind - und doch darüber zersplittern und zerstieben wie Stein und Wasser.

          Man kann das Buch also gleichzeitig als ein scheiterndes Liebes- und Vereinigungsgeschehen lesen, als metaphorischen Naturprozess und als sprachkritische Inszenierung, die aus Syntax und Wortstellung kontrollierte Mehrdeutigkeit gewinnt. Das komplexe, auch drucktechnisch überzeugend gestaltete Buch ist keine leichte Lektüre. Aber es vermag die menschliche Stimme in ein Wunder zurückzuverwandeln. Angeregt vom Hörbuch, sollte man also "brinnen" laut lesen, denn so entschlüsselt sich das Werk wie das auf dem Umschlag abgebildete Phonogramm von selbst zu jenem bald gepressten, bald frei strömenden Atem, der wir sind.

          THOMAS POISS

          Anja Utler: "brinnen". Gedichte. Edition Korrespondenzen, Franz Hammerbacher, Wien 2006. 96 S., br., 17,40 [Euro].

          Anja Utler: "brinnen". Lyrik Hörbuch (CD), Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 2006. 15,- [Euro].

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