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: Das Lesen der anderen

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Wudaokou, das Studentenviertel von Peking, an einem ganz normalen Nachmittag: In den Straßen wimmelt es von jungen Leuten, von sehr jungen Leuten. Die Jungs haben sich die Jogginghosen hochgekrempelt und die Haare hochgestellt, tragen Nietengürtel um den Hals oder Schlips zum bedruckten T-Shirt. ...

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          Wudaokou, das Studentenviertel von Peking, an einem ganz normalen Nachmittag: In den Straßen wimmelt es von jungen Leuten, von sehr jungen Leuten. Die Jungs haben sich die Jogginghosen hochgekrempelt und die Haare hochgestellt, tragen Nietengürtel um den Hals oder Schlips zum bedruckten T-Shirt. Mädchen bevorzugen schwingende Kleider, Ringelsöckchen und spitze Pumps, darüber zerlöcherte Second-hand-Militärjacken, die den Blick freigeben auf komplizierte Tattoos. Sie ziehen von Schaufenster zu Schaufenster, immer auf der Suche nach dem neuesten Pulli oder der neuesten Platte. In Wudaokou trifft sich das junge Peking - lauter chinesische Einzelkinder, von denen es heißt, sie seien verzogene Egoisten, unfähig, Verantwortung zu übernehmen.

          Ein Ort für Hedonisten - der richtige Ort also, um Chinas berühmteste Internetautorin zu treffen: Sie heißt Li Li, ist 28 Jahre alt, schreibt unter dem Pseudonym Mu Zimei und begann ihre schriftstellerische Karriere vergleichsweise brav; sie verfaßte die Sexkolumne für ein Hochglanzmagazin. Aber von Juni bis November 2003 schrieb sie eine Art Tagebuch im Internet, einen Blog, der "Postume Liebesbriefe" hieß und im wesentlichen davon handelte, wie es sich anfühlt, wenn man täglich oder nächtlich oder auch mehrmals am Tag immer neue Sexpartner ausprobiert. Die "Postumen Liebesbriefe" waren eine Sensation - und obwohl Li Li heute nicht mehr schreibt und von ihrer Heimatstadt Kanton nach Peking umgezogen ist, bekommt sie immer noch Anrufe von fremden Männern, und die Passanten drehen sich auf der Straße nach ihr um.

          Wir treffen uns im "Sculpting In Time", einem schicken Laden inmitten von Wudaokou. Lampen aus Arabien, Stoffe aus Mexiko, Musik aus Goa, es wirkt alles, wie aus dem Rucksack eines Globetrotters gekramt. Als Li Li endlich im Café eintrifft, stellt sich fast ein wenig Ernüchterung ein. Wahrscheinlich hatte man etwas Wilderes erwartet - diese junge Frau würde draußen neben all den Studentinnen, die nur wenige Jahre jünger sind als sie, kaum auffallen. In China, dem eiligsten Land der Welt, vollzieht sich der Generationswechsel im Dreijahrestakt - im Vergleich zu diesen Mädchen da draußen wirkt Li Li beinahe wie eine Altfeministin.

          Sehr nett entschuldigt sie sich für ihre kleine Verspätung. Sie hat Augenringe, wirkt müde, noch schmaler als die ohnehin schon schmalen chinesischen Frauen Ende Zwanzig. Ihre Frisur ist altmodisch. Sie scheint irgendwie nicht so recht zu passen zu der Provokation, die ihr Blog war: zu den einfachen Einträgen, in denen Sex so selbstverständlich beschrieben wurde, als ginge es darum, sich ein Butterbrot zu schmieren - Welten entfernt vom Raffinement erotischer Literatur von Casanova bis Nabokov. Auch mit dem neuen Exhibitionismus einer Catherine Millet oder Virginie Despentes hatte es eher nichts zu tun. Und die verzweifelte Ironie von Carrie Bradshaw und Samantha Jones, Li Lis Vorbildern aus der Serie "Sex and the City", die man in China von der ersten bis zur letzten Staffel als raubkopierte DVD an jeder Straßenecke kaufen kann, auch diese Ironie ist Li Li völlig fremd.

          Sie schrieb über Sex mit Sadomasochisten, mit Strumpffetischisten, Familienvätern, Barbesitzern und Rocksängern, von Nächten mit Callboys war die Rede und von Gruppensex mit bildenden Künstlern. Penisse wurden als "Kolben" beschrieben und Ejakulationen als "reinweiße Feuerwerke". In den besten Zeiten soll die Besucherzahl des Blogs auf unvorstellbare dreißig Millionen täglich gesprungen sein. Damals hieß es in den chinesischen Medien, Mu Zimei sei eine rücksichtslose Egoistin, der es nur um größten Lustgewinn gehe. Mu Zimei wurde gehaßt und bewundert, aber nicht ignoriert. Das wäre auch kaum möglich gewesen in einem Land, in dem trotz aller Dynamik noch strenge Konventionen und Traditionen gelten, einem Land, in dem man sich noch lebhaft an die Prüderie unterm Kommunismus erinnert und an das konfuzianische Ideal, daß der einzelne sich den Interessen der Gemeinschaft unterzuordnen hat.

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