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: Das Leben radikal anders denken

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Man isst, schläft, macht was. Daraus wird kein Zeitgenosse. Wer sich aber Zeitungen und ähnliche dem Tag gewidmete Quellen anschaut, wer sich informiert über das, was in der Welt geschieht, der kann sich vielleicht Zeitgenosse nennen. Man redet mit, hat Ansichten parat. Wenig später geht man mit den Ansichten wieder zur Arbeit.

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          Man isst, schläft, macht was. Daraus wird kein Zeitgenosse. Wer sich aber Zeitungen und ähnliche dem Tag gewidmete Quellen anschaut, wer sich informiert über das, was in der Welt geschieht, der kann sich vielleicht Zeitgenosse nennen. Man redet mit, hat Ansichten parat. Wenig später geht man mit den Ansichten wieder zur Arbeit. Die Bundestagswahl alle vier Jahre macht den Kohl auch nicht fett. Wahrscheinlich wird man kein historischer Mensch mehr sein können, einer, der mit sehr vielen anderen in eine entscheidende Lage gerät. Manche Menschen mag diese geschichtliche Abstinenz ihres Daseins quälen.

          In solcher Untätigkeit reimt sich der eine oder andere kleine historische Phantasien zusammen, wodurch selbstgemachte Geschichte wieder naherückt: Lenin blieb in Zürich, die Schweiz wurde rot. Das hat sich der Schriftsteller Christian Kracht ausgedacht. Man könnte diesen Modellbau ästhetizistische Geschichte nennen, ein künstliches Surrogat für einen Mangel an realen historischen Zugriffen.

          Theoretisch findet sich nur schwer ein Zugang zur Geschichte, der in das Geschehen hineinzieht. Das beliebteste Nadelöhr sind die Revolutionen. Jene tatendurstigen Kamele zum Beispiel, die in den siebziger und achtziger Jahren Marx und Lenin lasen, fühlten das Verlangen, Geschichte zu machen. Die Revolution ist attraktiv, sie verspricht den sofortigen Einsatz, schafft die Beruhigungssysteme ab und dafür Fronten des Kampfes, sie fordert auf allen Ebenen Entschlüsse. Die Revolution ist ein radikaler Anfang, ideal für Anfänger, etwas Eindeutiges - ein Sprung in die Geschichte. Das sollte man trainieren.

          Das beste Buch zur Revolution stammt von dem Schriftsteller Alfred Döblin. Es heißt "November 1918" und wurde im Exil geschrieben. Dieser Roman ist ein Solitär, und zwar nicht nur innerhalb der deutschen Literatur. Grandios komponiert er Fakten, Fiktionen, Ereignisse, Erlebnisse, Geschichte, Geschichtsphilosophie, Politik, Poesie, Diagnose und Drama, Lebenswelt und Lebensanschauung. Das ist der blaue Pool, in den springen sollte, wer herausfinden möchte, wie sich das anfühlt, die Revolution, die Geschichte, und man selbst mittendrin. Man kann von diesem Buch viel lernen. Vor allem erfährt der Leser auf diesen über zweitausend Seiten, was es bedeutet, als historischer Mensch in die Pflicht genommen zu werden. Mit Zeitunglesen beim Brötchenkauen kommt in der deutschen Revolution von 1918/19 keiner weiter.

          Von einem historischen Roman kann keiner mehr erwarten, als dass er den Leser in die Zwickmühle der Entscheidungen klemmt, aus der er sich nicht einfach herausziehen kann wie einen Stöpsel aus der Badewanne. Die radikale Umwälzung ist aufregend, heikel, bedrohlich und geschichtsintensiv. Diese Art von künstlicher Erfahrung der Realitäten mag die Essenz dessen sein, was historischer Roman genannt werden kann. Döblins monumentaler "November 1918" gehört zu der leider zahnlos gewordenen Kategorie der "engagierten Literatur". Die Form des welthaltigen dezionistischen Erzählens wird durch den in den dreißiger Jahren im Pariser Exil begonnenen Roman über die gescheiterte deutsche Revolution von 1918/19 vorbildlich ausgefüllt. Doch das Lehrbuch des Handelns hat keine Nachfolger gefunden. Es zwingt in die Parteinahme und, zugleich, in die Introspektion, es zwingt in die Ereignisse und, zugleich, in die Empathie. Jeder muss sehen, welchen Weg er geht.

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