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: Das Leben ist eine Fahrschule

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Es gibt Tätigkeiten, die man nicht gleichzeitig ausführen kann, oder jedenfalls nicht ohne unangenehmste Folgen. Zwischen Zähneputzen und Telefonieren sollte man sich tunlichst entscheiden oder auch zwischen Jogging und Maniküre. Gleiches gilt für das Autofahren und das Lesen. Wer jedoch bisher das ...

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          Es gibt Tätigkeiten, die man nicht gleichzeitig ausführen kann, oder jedenfalls nicht ohne unangenehmste Folgen. Zwischen Zähneputzen und Telefonieren sollte man sich tunlichst entscheiden oder auch zwischen Jogging und Maniküre. Gleiches gilt für das Autofahren und das Lesen. Wer jedoch bisher das Steuern eines Pkws und das Erzählen für einander ausschließende Beschäftigungen gehalten hat, wird mit dem neuen Roman des Danzigers Pawel Huelle eines Besseren belehrt.

          Denn während der nervöse Erzähler neben Fräulein Ciwle, seiner hübschen Fahrlehrerin, Blut und Wasser schwitzt, plappert er los, als ginge es nicht um den Führerschein, sondern den Literaturnobelpreis. Als der kleine Fiat mitten auf der Kreuzung zwischen einer Straßenbahn und einem Lkw eingeklemmt ist und die erste Fahrstunde in einem Fiasko zu enden droht - seinem "ersten autotechnischen Golgatha" -, wendet sich der Schüler der Geschichte seiner Großmutter Maria zu, deren Fahrstunde 1925 ein außerplanmäßiges Ende nahm. Während damals der nagelneue Citroën auf dem Bahnübergang absoff und sich die Insassen vor dem heranrauschenden Eilzug Wilna - Baranowicze - Lemberg nur durch Flucht in letzter Sekunde retten konnten, meistert hier Fräulein Ciwle nach raschem Plätzetausch die Situation und zeigt dem wütenden Mob, was eine erzählerische Volte ist. Die Fahrstunde wird Huelle zur poetischen Ursituation: Wer erzählt, wird gerettet, wer redet, ist nicht Schrott.

          Umgekehrt aber nahm sich Huelle beim Erzählen das organisierte Chaos des Danziger Stadtverkehrs zum Vorbild - so scheinen die einzelnen Worte seiner oft über eine halbe Seite reichenden Sätze dreispurig dahinzugleiten, sich im Kreisverkehr zu drehen und waghalsige Wendungen zu vollziehen, denen der Leser mit größter Aufmerksamkeit folgen muß, will er abgehängt werden: "Großvater Karol gab scharf Gas, und in diesem Moment kam aus dem Tor des Nachbarhauses der Wagen des Milchmanns heraus, Großvater drückte zwar auf die Bremse, aber das war die Bremse eines Citroëns, eine Klotzbremse, keine hydraulische, und so raste das französische Wunderding voll in die Pyramide der Milchkannen, Blech schepperte, zerschlagenes Glas klirrte, die Hupe dröhnte und Großmutter, die Großvater auf die Straße nachgelaufen war, um ihm hinterherzuschreien ,Leb du wohl!', jagte jetzt mit wehendem Haar an die Unfallstelle und zog ihren Verlobten aus der weißen Soße, strich ihm über die Stirn, die er sich an der Vorderscheibe zerschnitten hatte, und flüsterte: ,Mein Karolek, du bist doch der einzige, den ich liebe!'". Die richtigen Bremsen sind das wichtigste Ausstattungsstück dieser erzählerischen S-Klasse - "S" wie "Schelmenroman".

          Denn nur so sind die scharfen Kurven und überraschenden Ausfahrten unfallfrei zu nehmen, in die das neugierige Fräulein Ciwle den Erzähler fast im Befehlston dirigiert. Von der grotesken Geschichte des großmütterlichen Totalschadens, die mit einer Auszeichnung des Lokführers und einem kostenlosen Neuwagen endet, bevor auch dieser aufgrund der beschriebenen technischen Mängel ein trauriges Ende nimmt, über die Schilderung waghalsiger "Fuchsjagden" per Mercedes-Benz in den dreißiger Jahren, die die Großeltern - Vorsprung durch Technik - stets für sich entscheiden konnten, bis zur Konfiszierung des Traumautos während des Krieges zugunsten eines gewissen Kommissars Chruschtschow - all das wird im rasanten Tonfall des angsterfüllten Novizen erzählt, der sich vor der rauhen Realität des Straßenverkehr in die virtuellen Fahrten der Vergangenheit flüchtet.

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