https://www.faz.net/-gr3-9vcps

Lessie Sachs: „Das launische Gehirn“. Lyrik und Kurzprosa. Hrsg. und mit einem Nachwort von Jürgen Krämer und Christiana Puschak. Aviva Verlag, Berlin 2019. 318 S., geb., 20 Euro. Bild: Aviva Verlag

Dichterin Lessie Sachs : Doch wenn ich den Zwang nicht hätte

  • -Aktualisiert am

Gefängnisaufenthalt, Tod des Vaters und Flucht vor dem Nationalsozialismus: Heitere Leichtigkeit in der Sprache macht sie genauso aus wie ihre teils dunklen Hintergründe. Die Wiederentdeckung der Dichterin Lessie Sachs.

          4 Min.

          Die Gedichte von Lessie Sachs sollte man nachts lesen, wenn man, ausgelaugt vom Tag, gerade an jenen Punkt gelangt ist, an dem der Selbstzweifel seine zermürbende Arbeit beginnt. Dann entfalten die Gedichte etwas Köstliches, das die Amerikaner „companionship“ nennen – ein ruhiges Zusammensein, in dem man unter Ausschluss der Öffentlichkeit riskieren kann, sich nicht großartig zu finden („Ach, man ist ja nur ein Zwerg“), in dem man zugeben kann, dass man unzufrieden ist („Ich kann mich selbst absolut nicht leiden“) und, ja doch, einsam („Ich habe augenblicklich keine Liebe“) und genervt von Leuten, die einem die Seele aushöhlen: „In meinen Adern rollt’s wie flüss’ges Blei, / Ich muß gestehn: ich fühl’ mich deprimiert; / Man spricht mit vielen Leuten, – einerlei, / Der Spaß daran ist meistens nur fingiert.“

          Wenn man das eingestehen kann, bieten die Gedichte ein Zwiegespräch, das mit den Zeilen enden kann: „Laß die ärgerlichen Sachen, / Sieh’, nun ist es tiefe Nacht, / Heute wird nichts mehr gedacht, / Heute ist nichts mehr zu machen. / . . . Was Du Dir auch vorgenommen, / Morgen kannst Du es ja tun. / Doch versuche jetzt zu ruhn; / Sei ganz still . . . die Träume kommen.“ So wird man hineingezogen in die Gedanken von Lessie Sachs und entdeckt eine junge Frau, die unerbittlich genau beobachtet und versucht, mit Enttäuschungen und Empfindlichkeiten klarzukommen, indem sie sie wie einen drei Tage alten Fisch in witziger Sprache mariniert, dreht, wendet und paniert, um uns schließlich das ganze Ungemach als witzig-krosses Betthupferl vorzusetzen.

          Von der Akademie ins Gefängnis

          Dass die Leichtigkeit dieser Sprache hart erkauft ist und die Gedichte über tiefen Abgründen tanzen, eröffnet erst die Lebensgeschichte der Autorin, die Christiana Puschak und Jürgen Krämer in einem detaillierten Nachwort darstellen, das ihre Neuausgabe der Lyrik und Kurzprosa von Lessie Sachs begleitet. Die Autorin wurde 1896 als Valeska Luise „Lessie“ Sachs in Breslau geboren. Ihr Vater war ein angesehener Psychiater und Neurologe, die Mutter Hausfrau. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, studierte Lessie Sachs an der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau, wechselte aber wohl im Herbst 1917 nach München.

          In Schwabing fand sie eine brodelnde Welt, verdiente Geld als Porträtistin, wurde erfasst vom revolutionären Elan, trat im Februar 1919 der KPD bei und wurde dritte Schriftführerin deren Schwabinger Sektion. Zwei Monate später wurde sie verhaftet und zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt. Im September 1920 trat sie ihre Haft im Strafgefängnis Breslau XII an. Sechs Monate später wurde sie wegen guter Führung entlassen.

          „Die unruhige Sehnsucht nach Büchern“

          Zu ihren eindringlichsten Prosatexten gehört eine bislang unveröffentlichte Reflexion über ihre Inhaftierung: „Tag und Nacht verstrichen in gleichmäßiger Folge, die Stille war undurchdringlich . . . Ich hörte Schlüssel klirren, einen Schritt im Gang, ich hörte Schleichen, Wispern, Knacken . . ., sonst sah und hörte ich nichts. Die Zeit verging . . ., ich spürte, wie das Leben an mir vorbeiging . . . Seele und Sinne waren der trübe Spiegel einer noch trüberen Flut von Stunden, die träg sich schleppte . . . gefährlich nah dem Tod . . . Wir bekamen das kaum zu hemmende, kaum zu ertragende, wild, tief-sehnsüchtige Verlangen nach Büchern sickerte durch die Wände, raunte um die Ecken . . ., schlich um die Zellen . . . Die unruhige Sehnsucht nach Büchern wuchs und verzerrte sich fratzenhaft und hemmungslos zur Begierde, verschattete die Geister, drang unterirdisch, glühend und behende durch die Mauern, glitt fiebrig ruhelos, ruhelos hinauf, hinab . . . hinauf, hinab. Die Panik der Seele vernichtete die Disziplin.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer hätte es ihnen zugetraut? Peter Tschentscher lässt sich von SPD-Landeschefin Melanie Leonhard (links) und seiner Frau beklatschen.

          Hamburg hat gewählt : Tschentschers Plan ist aufgegangen

          Hamburg beschert der SPD fast vergessene Glücksgefühle. Der Erste Bürgermeister bleibt im Amt. Er könnte sich sogar den Partner aussuchen. Würde er lieber mit dem Verlierer CDU regieren als mit kraftstrotzenden Grünen?

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland zu regieren. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.