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: Das lange Leben der Elizabeth Cook

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Gegenüber historisch verbürgten Figuren hat fiktives Romanpersonal einen Vorteil: Die Lebensläufe liegen ganz in Autorenhand, so dass selbst dumme Zufälle und Häufungen tragischer Ereignisse noch der Dramaturgie dienen. "Als Schriftsteller würde man sich nie ausdenken, dass jemand sechs Kinder hat und alle jung sterben.

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          Gegenüber historisch verbürgten Figuren hat fiktives Romanpersonal einen Vorteil: Die Lebensläufe liegen ganz in Autorenhand, so dass selbst dumme Zufälle und Häufungen tragischer Ereignisse noch der Dramaturgie dienen. "Als Schriftsteller würde man sich nie ausdenken, dass jemand sechs Kinder hat und alle jung sterben. Viel zu viel Drama", bestätigt die niederländische Autorin Anna Enquist. Vor diese Herausforderung sah sie sich gestellt, als sie das Leben von Elizabeth Cook (1741 bis 1835; unsere Abbildung nach einem unbekannten Maler) zum Gegenstand ihres ersten historischen Romans machte.

          Die Frau von James Cook hatte den Forschungsreisenden nur sechs von siebzehn Ehejahren an ihrer Seite und überlebte ihn um sechsundfünfzig Jahre. Diejenigen ihrer Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten, starben außerdem ein halbes Jahrhundert vor ihr, zwei Söhne blieben wie der Vater auf See. Mrs. Cook hatte ein langes, aber kein glückliches Leben; so legen es die spärlich überlieferten Details nahe. Der Roman "Letzte Reise" widerspricht dieser Einschätzung nicht. Er beginnt 1775, kurz bevor James Cook von seiner erfolgreichen zweiten Entdeckungsreise nach England zurückkehrt. Elizabeth kennt diese Übergangsphase: Was erwartet er, was wird er sehen? Schwankend zwischen fieberhaften Aufräumaktivitäten und depressiver Erschöpfung, versucht sie, sich und ihre Welt auf Kurs zu bringen. Entfremdung und Wiederannäherung zwischen "Haus und Schiff", die innere Wüste der Wartenden sind Thema des Romans.

          Einen Gegenpol dazu bildet die Fremde, in die James Cook dann zum dritten Mal aufbricht und deren Undurchdringlichkeit ihn schließlich um Verstand und Leben bringen wird. Der Konflikt spielt sich nicht zwischen Hausfrauenperspektive und weltumspannendem Horizont eines Forschungsreisenden ab, denn die Autorin stattet Elizabeth mit Verstand, Sensibilität und Interesse für die Welt aus. Auch ein Schiff ist die meiste Zeit über kaum mehr als ein schwimmendes Haus, in dem Männer unter unhygienischen Bedingungen eingepfercht sind und wie kleine Jungen überlistet werden müssen, Sauerkraut gegen Skorbut zu essen. Aber es gibt auch erhebende Momente, von denen Enquist ebenso wie von Elizabeths stillen Epiphanien in einer schlichten, bildmächtigen Sprache von zeitloser Erdgebundenheit schreibt.

          Daneben werden dem Leser allzu heutig anmutende Selbstreflexionen geboten, in denen Elizabeth ihre und James' Erwartungen an das "gemeinsame Leben" abklopft. Die Mentalität, die hinter dem Konzept "Beziehungsarbeit" steckt, wirkt befremdend und ist historisch unangemessen. Die Ehe war damals und noch lange danach keine private Baustelle der Selbstvergewisserung.

          Elizabeths Erschütterung, verstärkt durch den Unfalltod ihrer Tochter, hätte sie in der Realität wohl eher dazu gebracht, in Religion, Musik oder Kontakt zu anderen Frauen intensiver Trost zu suchen, als im Roman. Hier wird sie zur fundamentalen Zweiflerin und Revolutionärin, die weit außerhalb der Denkmuster ihrer Zeit steht. Nach weiteren Schicksalsschlägen legt sie auch ihre Streitbarkeit ab und bilanziert: "Man braucht nichts aufzubewahren. Das ist die Weisheit der Schafe am Hang." Damit kann man sich nur noch zum Sterben niederlegen.

          ANNETTE ZERPNER

          Anna Enquist: "Letzte Reise". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers. Luchterhand Literaturverlag, München 2006. 413 S., geb., 21,95 [Euro].

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