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: Das Land der Dinge

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Als vor drei Jahren Sofia Coppolas "Lost in Translation" in die Kinos kam, hätte man schwören wollen, dass sie zuvor ein Buch gelesen hatte, den Roman "Faire l'amour" von Jean-Philippe Toussaint; dass dieser Roman vielleicht in einem der Hotelzimmer des "Park Hyatt" in Tokio herumgelegen hatte, wo ...

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          Als vor drei Jahren Sofia Coppolas "Lost in Translation" in die Kinos kam, hätte man schwören wollen, dass sie zuvor ein Buch gelesen hatte, den Roman "Faire l'amour" von Jean-Philippe Toussaint; dass dieser Roman vielleicht in einem der Hotelzimmer des "Park Hyatt" in Tokio herumgelegen hatte, wo sie drehen sollte - ein Hotelroman über ein europäisches Paar, eine französische Modeschöpferin und einen Ich-Erzähler, die, wie Scarlett Johansson und Bill Murray, nachts durch die Straßen von Tokio taumelten, ein letztes Mal. Es braucht Zeit, um den Menschen nicht mehr zu lieben, den man nicht mehr liebt. Bei Toussaint dauerte es einen Roman lang. "Sich lieben" war die Geschichte einer Trennung.

          Sofia Coppola hat nie gesagt, dass sie dieses Buch kannte, das in so vieler Hinsicht die Sprache ihres Films zu sprechen schien: Keine Handlung trieb es voran, sondern die zögernden Bewegungen der Protagonisten, ein Nach- und Nebeneinander von Empfindungen, wahrgenommenen und sich verselbständigenden Details. Und vielleicht spielt es auch keine Rolle; vielleicht gibt es an bestimmten Orten und besonders im Reich fremder Zeichen eine Suggestion von Geschichten und Erzählweisen, der man sich schwer entziehen kann.

          Jean-Philippe Toussaint jedenfalls kann sich auch jetzt noch nicht entziehen. In "Fliehen", seinem neuen Roman, muss sein Erzähler wieder in die Fremde, nach Schanghai, diesmal ohne seine Freundin: "Hört das denn nie auf mit Marie? Im Sommer vor unserer Trennung hatte ich ein paar Wochen in Schanghai verbracht, es gab dafür nicht wirklich berufliche Gründe, ich unternahm die Reise eher zu meinem eigenen Vergnügen, auch wenn mich Marie mit einem bestimmten Auftrag betraut hatte (aber ich habe keine Lust, auf Einzelheiten einzugehen)", heißen die ersten Sätze. Und da ist klar, dass "Fliehen" und "Sich lieben" miteinander in Verbindung stehen; dass der neue Roman die Zeit vor der Trennung erzählt: zusammen zu verreisen, ein Zimmer zu teilen in einem eleganten Hotel in Tokio, das war in "Faire l'amour" die beste Möglichkeit gewesen, um Schluss zu machen. Die Nähe zerriss beide. Die Abwesenheit des anderen hingegen ist in "Fliehen" das Einzige, was sie, davor, einander noch nahebringen konnte. Für Toussaint hört es nicht auf mit Marie.

          Natürlich würde man den belgischen Autor, der lange in Paris, in Algerien und auch in Berlin gelebt hat, unterschätzen, wollte man seine Romane als bloße Liebesgeschichten lesen. Denn was hier erzählt wird, verschwindet hinter dem Wie. Nicht umsonst schickte Toussaint mit Ende zwanzig das Manuskript seines ersten Romans "Das Badezimmer" an Alain Robbe-Grillet, der es an den Verleger der "Éditions de Minuit", Jérôme Lindon, weitergab. Die "Éditions de Minuit", das waren, neben Robbe-Grillet, Beckett und Claude Simon - und in dieser Tradition des "nouveau roman" wollte Toussaint sich verstanden wissen. Was beiläufig erzählt daherkommt, ist stets minutiös durchkonstruiert, ein Kalkül, ein Spiel mit Zitaten, das mit Marie und dem Ich-Erzähler auch wieder Ulrich und Agathe aus dem "Mann ohne Eigenschaften" aufleben lässt, nämlich in den Details.

          Denn Toussaints Romanwelt ist eine Dingwelt, und wie ganz besonders die technischen Dinge die Figuren voneinander weg oder sie wieder zueinanderbringen, das ist nicht nur bitter, es ist in seiner fatalen Weise auch sehr lustig und macht Toussaint zu einem der interessantesten zeitgenössischen Erzähler. Überall dröhnt, schnurrt, klingelt es. Ein Fax aus Europa kommt mitten in der Nacht in Tokio an und stört die Sich-nicht-mehr-Liebenden beim Sex: ein Klicken und eine Nachricht auf dem plötzlich marineblau leuchtenden Fernsehbildschirm: "Please contact the central desk." Danach geht nichts mehr im Bett. Das Faxgerät übernimmt die Regie, so wie in "Fliehen" ein Mobiltelefon zum Protagonisten des Romans wird, das der den Reisenden in Empfang nehmende Chinese Zhang dem Erzähler übergibt. Unaufhörlich zeigt Zhang streng auf das herumliegende Telefon, ruft "don't forget", was in den Ohren des Erzählers allerdings wie "don't fuck it" klingt. Dann klingelt es. Der Erzähler befindet sich gerade auf einer Toilette im Zug nach Peking. Mit auf der Toilette ist die schöne Chinesin Li Qi. Es klingelt, draußen vor der Zugtoilettentür im Rucksack. Am anderen Ende ist Marie, die ihn immer dann braucht, wenn er gerade nicht da ist. Man muss manchmal sehr weit reisen, um eine Verbindung zu halten.

          JULIA ENCKE

          Jean-Philippe Toussaint: "Fliehen". Roman. Aus dem Französischen von Joachim Unseld. Frankfurter Verlagsanstalt, 180 Seiten, 19,80 Euro

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