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: Das irdische Paradies der kleinen Dame in Weiß

  • Aktualisiert am
          8 Min.

          Bei der Teilung der Welt hat Gott die Dichter bekanntlich vergessen, aber nicht ihr Bedürfnis nach Ruhm. Spätestens die Moderne gab sich mit dem Lorbeer nicht zufrieden. Sie etablierte den Markt und das Karrierekalkül. Baudelaires "Blumen des Bösen" sollten die Blumen der Romantik verdrängen. Walt Whitman war ein Meister der Selbstreklame. Er schätzte den künftigen Jahresbedarf an seinen Gedichten auf zehn- bis zwanzigtausend Exemplare. Einen Erfolgsstreik dagegen vermag man sich kaum vorzustellen. Und doch gibt es ein Beispiel: Amerikas größte Dichterin. Was Amerika und was die Welt noch nicht gar zu lange weiß. Denn Emily Dickinson (1830 bis 1886) tat fast alles, um dem Ruhm zu entgehen. "Wir wußten noch nicht einmal, daß sie da war", sagte der Lyriker Robert Frost in einem Interview - das immerhin noch im Jahre 1960. Und fügte von oben herab hinzu: "Armes kleines Ding."

          Geboren zu einer Zeit, als Goethe noch lebte, wuchs Emily Dickinson in die aufkommende Moderne hinein. Als sie zwanzig war, erschienen die Gedichte Edgar Allan Poes, fünf Jahre später, 1855, Walt Whitmans "Grashalme": Amerikas Durchbruch in die lyrische Moderne. Emily Dickinson - in jeder Beziehung Whitmans Gegenpol - hätte in dieser Entwicklung eine bedeutende Rolle spielen können. Doch sie übte Abstinenz, verzichtete auf Veröffentlichung. Dabei hatte sie - nach Bildung und Begabung - das Zeug zu Karriere und Ruhm.

          Emily Dickinson wurde am 10. Dezember 1830 in Amherst in Neuengland geboren. Ihr Großvater war einer der Gründer des renommierten Amherst College, ihr Vater dessen Finanzverwalter. Emilys Schul- und Collegebildung war umfassend und schloß die Naturwissenschaften sowie Latein und Deutsch ein. Die häusliche Bibliothek war groß und ergiebig. Der Vater-Patriarch schenkte der Tochter Bücher, wollte aber nicht, daß sie las. Daß sie selbst Gedichte schrieb, wußte sie vor ihm zu verbergen. Er hielt nichts von schreibenden Frauen, aß jedoch einzig das von ihr gebackene Brot. Es muß vorzüglich gewesen sein, denn Emily wurde dafür mit einem Preis ausgezeichnet. Ihr einziger Preis war kein Literaturpreis.

          Mit Hund Carlo

          unterwegs in der Natur

          Als junges Mädchen muß Emily überaus witzig und übermütig gewesen sein und den üblichen Freundschaften und Schwärmereien zugetan. Danach fand sie sich auf ihr eingezogenes Familiendasein verwiesen und blieb unverheiratet. Der Hund Carlo begleitete sie sechzehn Jahre auf ihren Spaziergängen. Später litt sie an einem chronischen Augenleiden, verließ das Haus immer seltener und empfing kaum noch Besuche. Zuletzt kommunizierte sie lediglich durch den Spalt ihrer angelehnten Zimmertür.

          Die Stadt klatschte über die menschenscheue, stets weiß gekleidete Frau mit dem rotbraunen Haar. Sie hätte es noch mehr getan, wäre mehr über ihre Herzensbeziehungen bekanntgeworden. Über den Mann, den sie in den drei erhaltenen ernst-leidenschaftlichen Briefen ihren "Master" nennt; vermutlich der Reverend Charles Wadsworth, der sechzehn Jahre älter und verheiratet war. Oder über den Anwalt Otis Philipps Lord, mit dem die alternde Emily Dickinson Briefe wechselte, Liebesbriefe - witzig, verspielt und bemerkenswert offenherzig.

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