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Radioreportage „Aeneis“ : Flucht aus einer untergehenden Stadt

  • -Aktualisiert am

Aeneas und Sibyl in der Unterwelt. Bild: SOTHEBY'S LONDON

Vom Schicksal verbannt: Ein dreistündiges Hörspiel inszeniert Vergils „Aeneis“ als atemlos erzählte Radioreportage.

          3 Min.

          Das Mittelmeer als Großraum von Flucht, Vertreibung und Exil ist über die aktuelle Brisanz hinaus die Eingangshalle zur europäischen Literatur. Hier finden nicht nur Odysseus’ endlose Irrfahrten auf dem Heimweg vom zehnjährigen Trojanischen Krieg statt, sondern auch die seines Gegners Aeneas. Sein epischer Chronist Vergil fasst diese große Geschichte gleich in den ersten beiden Versen zusammen: „Kriegstaten will ich besingen, den Helden dazu, der als Flüchtling, / Opfer des Schicksals, von Troja zuerst Italien erreichte.“

          Der Untergang Trojas und der Aufstieg Roms ist also das Thema, das Vergil in rund zehntausend Hexametern zum bedeutendsten lateinischen Epos entwickelt. Es als gut dreistündiges Hörspiel zu inszenieren ist ebenso kühn wie riskant. Die Produktion des Südwestrundfunks von 1982 unter der Regie von Thomas Köhler meistert diese Herausforderung jedoch souverän: Dem Drehbuchautor und Interpreten Joachim Nottke gelingt es mit fünfzehn weiteren Sprecherinnen und Sprechern, Vergils Meisterwerk wieder lebendig werden zu lassen. Nur in der ersten Minute geschieht es in Versen, dann aber durch geschickte Übertragung auf Rollenfiguren und eine Erzählerstimme unter Nutzung eines reichen Geräuscharchivs.

          Vergil: "Aeneis"

          Den Ausgangspunkt für Aeneas’ Flucht aus dem brennenden Troja berichtet schon Homers „Ilias“ im 20. Buch, als der Meergott Poseidon in die Schlacht eingreift und den Unschuldigen vom Tode errettet. Dazu nebelte er Achill ein, riss dessen Lanze aus Aeneas’ Schild, hob ihn „vom Boden empor und schwang ihn von hinnen“. Mit der Weissagung Jupiters, einst einen neuen Ort für die vertriebenen Bewohner Trojas zu finden, beginnt eine ziellose Kreuzfahrt durch das Mittelmeer. Nach langer Reise von Thrakien über die griechischen Inseln bis nach Sizilien verschlägt es die Schiffe in einem von Juno gesandten Sturm nach Libyen. Diese Schiffspassagen werden mit knarrenden Planken, heulenden Winden und stürmischen Wellen besonders effektvoll gestaltet. In Karthago herrscht Dido, selbst eine Exilantin aus dem phönizischen Tyros, und heißt die Flüchtenden willkommen.

          Der Weg zur Gründung Roms ist frei

          Hier will Aeneas’ Mutter Venus die Irrfahrt eigentlich beenden, indem sie mit Hilfe eines verkleideten Amors die große Liebe zwischen Dido und Aeneas entzündet. Dido erzählt Aeneas ausführlich vom Kampf um Troja und von der Flucht. Doch diese großartige Liebesgeschichte nimmt ein Ende, Jupiter drängt – mit Blick auf das neu zu gründende Troja – auf Abschied. Dido ist tief verletzt, bleibt erst flehend, dann fluchend zurück und nimmt sich das Leben. Als Aeneas sie im sechsten Gesang bei einer Stippvisite im Hades wiedertrifft, sie um Aussprache und Verzeihung bittet, wendet sie sich so trotzig ab, als ginge es hier nicht um einen Mythos, sondern um das wirkliche Leben.

          Noch wirklichkeitsnäher gestaltet das Hörbuch den zweiten Aufenthalt auf Sizilien, wohin die Flotte nach aufs Neue stürmischer Fahrt verschlagen wird. Dort hatte Aeneas beim ersten Besuch seinen Vater Anchises begraben, zu dessen Ehre man nun Festspiele veranstaltet, die Segelregatten, Wettläufe und Ringkämpfe einschließen. Diese werden im Stil atemlos erregter Radiosportreportagen dargestellt. Doch auch dieser Halt ist nur eine ungeplante Zwischenstation auf dem Weg zu dem von den Göttern als Ziel bestimmten Latium. Die Weiterreise dorthin verläuft dank Neptuns Schutz ruhig, doch dann sucht der Schlafgott Somnus den Steuermann Palinurus heim und zieht ihn in die Tiefen des Meeres. Mit leiser Stimme schleicht er sich ein und legt das anfänglich noch standhaltende Bewusstsein allmählich lahm. Die beharrlich schmeichelnde Macht der Müdigkeit kommt hier vielleicht erstmals literarisch zum Einsatz und erzielt auch akustisch eine besondere Wirkung.

          Als die schon ziemlich abgezehrte Schar der Exilanten an der Tiber-Mündung landet, erkennt sie plötzlich die prophezeiten Zeichen, ihr Ziel Italien erreicht zu haben. Dass König Latinus gerade einen Thronfolger und Mann für seine Tochter Lavinia sucht, scheint Aeneas zu begünstigen. Doch Juno, die den Flüchtlingstrack schon seit Troja am Weiterkommen hinderte, greift aufs Neue ein und bietet den Fürsten Turnus als Konkurrenten um die Königstochter Lavinia auf. Erst nach endlosen, im Hörbuch dramatisch rasselnden und tobenden Kämpfen, in denen alle möglichen Gottheiten sich helfend auf Aeneas’ Seite schlagen, gelingt der Sieg gegen die fremdenfeindlichen Latiner. Der Weg zur Gründung Roms ist frei.

          Schiller, der Teile der „Aeneis“ für Lateinunkundige nachdichtete, beschwor „die magische Gewalt, wodurch der vergilische Vers uns hinreißt“. Das Hörbuch beweist nun, dass auch eine schlankere Prosafassung von überaus starker Wirkung sein kann. Vor allem verwandelt sie die komplexe und äußerst namensreiche Geschichte in eine straff organisierte dramatische Handlung. In besonders starken Szenen wie der Liebesentflammung zwischen Dido und Aeneas, der Übermannung des Steuermanns Palinurus durch den Schlaf oder die nächtliche Geheimoperation der Freunde Nisus und Euryalus im Kampf gegen die Latiner zeigt sich zudem Vergils Modernität, seine tiefe, psychologische Menschenkenntnis. Montaigne pries ihn dafür als „Meister des Herzens“.

          Bücher-Podcast
          In der Februar-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Wie schreibt man heute über Aale und Eichhörnchen? Welche Figur machen Frauen in Krimis von Frauen? Und was ist von Bov Bjergs neuem Roman „Serpentinen“ zu halten?

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