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: Das Herz, ein Bienenkorb

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          2 Min.

          Dass Tageszeitungen Eintagsfliegen seien, mit einer Flügelspannweite von zwei DIN-A3-Seiten und Facettenaugen aus abertausend Zeichen, ist eine verbreitete Ansicht. Doch dann und wann geht jemand der Frage nach, was aus der Zeitung wird, wenn ihr Erscheinungstag verstrichen ist. Die Antwort hat ein Geheimnis zu wahren, denn obdachlose Blätter gehören einer scheuen und zurückgezogenen Spezies an. Poetisches Eigenleben erhalten sie in Andrea Heusers Lyrikdebüt: "ABGESCHOBEN die stillen seiten der zeitung / in richtung der parks, hauseingänge, brücken / bittere schutzwinkel. im blick: seht nicht her!" Wer aber hinsieht, so, wie Heuser es tut, der spricht den stillen Dingen im Abseits wieder Dasein zu.

          Gedichte bedürfen dieser Aufmerksamkeit. Jede Versgrenze deutet bereits auf ein Verstummen hin, mit dem letzten Wort fallen sie in Schweigen. "Das Gedicht behauptet sich am Rande seiner selbst", schreibt Paul Celan und benennt damit eine Angst, die dem Dichter begegnet: Vermag ein Gedicht, einmal aus den Gedanken seines Autors entlassen, sich selbst zur Sprache zu bringen? Und erweckt jedes Lesen seine Worte neu zum Leben?

          Der Titel "vor dem verschwinden" betrachtet diese Angst vor Einsamkeit und Nichtigkeit des Gedichts von der anderen Seite. Wenn Worte verschwinden, ist ihnen ein Moment der Präsenz vorausgegangen, ein Moment, an den zu glauben möglich sein muss. Dies eröffnet einen poetischen Raum und ein neues Sprachvertrauen, in dem die Gedichte Halt und einen Ort finden. "STEHEN. dort stand dieser baum, der / so blickbehangen, stetig an blattwuchs verlor / war es der wind, der ihn so bewegte / oder gab nicht er dem wind ein gesicht / im beben der zweige, im blick?"

          Heusers Gedichte sind fragile Impressionen, getragen von einer Sprachbewegung, die ihre Schönheit im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit entfaltet. In "all den altkleidersprachen" enthüllt sie Bilder verlorener Kindheit, erinnerter Zweisamkeit und umarmender Gegenwart von Farben und Formen. Mit Leichtigkeit variiert sie formale Möglichkeiten. In Zyklen gegliedert, wechseln lange, prosaisch erzählende und kurze, auf Nuancen konzentrierte Gedichte. Ihre Verse bewegen sich in Assoziationswelten ausgewählter Worte. So entstehen Bilder, die sich wie von selbst ineinanderfügen und hinter denen immer neue aufschimmern: "DU BIST MEIN HERZ, sitzt im brustkorb / die brust ist ein korb, du bringst bienen / zum summen, mein herz ist ein bienenkorb." Die reimlosen Verse von durchaus eigenem Klang und Rhythmus spielen mit Wiederholungen, ungewohnten Wortverknüpfungen, syntaktischen und semantischen Bezügen, offenen Enden. Im Zentrum steht die Gegenwart der Dinge "vor dem verschwinden". Ihre Anwesenheit erfordert einen Willen zu sprachlicher Schlichtheit, um nicht ins Pathetische abzugleiten. Gerade wenn sich zwischenmenschliche Aspekte einschleichen, vermag deren Lakonie zu berühren: "FAND DICH am wegrand / hob dich nicht auf / ließ dich liegen, beschwert / ging ich weiter".

          Ein Zitat Jakob Haringers rahmt den Band, zieht sich in wiederholten Anspielungen durch die Gedichte und spannt ihren thematischen Horizont auf: "man kommt nicht heraus / aus dem kopf / man kommt nicht hinein / in den traum". Die Sprache steht dazwischen, bleibt Mittlerin der Realität, verspricht Unmittelbarkeit, ohne dass es in ihrer Macht stünde, sie auch einzulösen. Nähe und Ferne der Fiktion verschränken sich im Gedicht, und "dein blinzeln" genügt, um sich dessen wieder bewusst zu sein. Dahinter steht keine Absage an die Schönheit der Imagination, sondern eine reflektierte Sehnsucht. Andrea Heuser erfindet keine Träume, sie schafft die Räume dafür.

          - Andrea Heuser: "vor dem verschwinden". Gedichte. Buch mit Audio-CD. onomato Verlag, Düsseldorf 2008. 87 S., br., 18,50 [Euro].

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