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: Das Gute ist, dass man hier nichts falsch machen kann

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Früher, im November 1980, als die Mauer noch stand, gab es ein paar Gewissheiten mehr: Dass, wer aus Westdeutschland nach West-Berlin ging, keinen Wehrdienst abzuleisten hatte, war die eine; dass der Schritt aber auch dem Eintritt in die Fremdenlegion glich, war die andere. Was immer vorher gewesen war, ...

          Früher, im November 1980, als die Mauer noch stand, gab es ein paar Gewissheiten mehr: Dass, wer aus Westdeutschland nach West-Berlin ging, keinen Wehrdienst abzuleisten hatte, war die eine; dass der Schritt aber auch dem Eintritt in die Fremdenlegion glich, war die andere. Was immer vorher gewesen war, hatte sich erledigt, dafür durfte man nicht groß auf Hilfe von außen hoffen.

          Und West-Berlin hatte seine Gesetze, die kein Neuankömmling auf Anhieb durchschaute; sicher war nur, dass er von den alten Hasen erst einmal unter fadenscheinigen Gründen ausgenommen wurde - so etwa könnte man das Bild skizzieren, das Sven Regener in seinem Roman "Der kleine Bruder" von diesem versunkenen Biotop entwirft.

          Frank Lehmann jedenfalls, bestens bekannt aus den beiden anderen Romanen Regeners, ist kaum ein paar Stunden in Kreuzberg, da muss er schon in der Wohngemeinschaft seines Bruders Manfred für dessen angebliche Mietschulden aufkommen. Manfred aber, von dem er sich allerhand erhofft hatte, ist verschwunden. So ist es nur logisch, dass der Roman seine Struktur aus der doppelten Suche Frank Lehmanns bezieht: nach Orientierung in einer verwirrenden Welt voller unverständlicher Zeichen und nach dem Bruder; und dass er zu Ende ist, als sich beides erledigt hat.

          Zu Ende? "Der kleine Bruder" ist, was die Publikation angeht, der Abschluss einer Trilogie, die 2001 mit "Herr Lehmann" begann und 2004 mit "Neue Vahr Süd" fortgesetzt wurde. In der Lehmann-Chronologie aber ist er das Mittelstück, das unmittelbar einsetzt, als sein Held gerade trickreich der Bundeswehr entkommen und nun auf dem Weg von Bremen nach West-Berlin ist - "sie haben mich heute morgen entlassen", erzählt Frank auf der Fahrt, "weil sie erst jetzt gemerkt haben, dass ich untauglich bin". Derlei Erinnerungsstützen für die Leser der anderen Bücher gibt es manche. Sie sind vergleichsweise einfach mit dem Text verwoben, wo es um den Blick auf Franks Vergangenheit geht - viel interessanter aber sind die Vorausdeutungen auf das, was der Leser als Erstes kennengelernt hatte, Franks Situation im Herbst 1989, immer noch in Kreuzberg, immer noch umgeben von den Menschen, die er jetzt - 1980 - gerade trifft.

          "Der kleine Bruder" also ist der Schlussstein auf einem Gewölbe, dessen Pfeiler schon stehen und mit denen er harmonieren muss. Er muss zunächst eine Geschichte aus eigenem Recht erzählen und gleichzeitig zu einem bekannten Ende überleiten: Wer "Herr Lehmann" aufmerksam gelesen hat, weiß, dass Franks Suche nach dem Bruder letztlich erfolgreich sein wird (in welchen Abgrund es Manfred allerdings verschlagen hat, überrascht dann doch). Er kennt auch die rührende Freundschaft zwischen Frank und dem Kreuzberger Alleskönner Karl, deren Grundlagen sich hier bilden, er weiß, welches Ende es mit dem Schwaben Erwin nehmen wird, der hier als aufstrebender Kneipenmogul auftritt und bald mit seiner schwangeren Freundin zusammenziehen wird, von der er in "Herr Lehmann" wieder geschieden sein wird, während sein Alkoholkonsum bedenkliche Formen angenommen hat. Und er wird sich vergnügt an die Weck- und Störanrufe der Mutter erinnern, die hier ihren Anfang nehmen. Denn alles ist Aufbruch in diesem Buch, vor allem für einen, der wie Frank mit offenen Augen und hartem Kopf durch das neblige Kreuzberg stapft und Künstler und Punker ebenso kennenlernt wie Kunst- und Punksimulationen, wobei er klugerweise die Frage nach Echt, Falsch und den Grauzonen dazwischen gar nicht mehr stellt.

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