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: Das Großmaul

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Die fingierte Autobiographie eines Politikers? Wozu soll das gut sein - selbst wenn dieser Politiker Fidel Castro heißt und so lange wie derzeit sonst kein anderer auf der Welt an der Macht ist? Autorisierte Biographien über Castro sind in Kuba bereits erschienen, außerhalb der Revolutionsinsel auch ...

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          Die fingierte Autobiographie eines Politikers? Wozu soll das gut sein - selbst wenn dieser Politiker Fidel Castro heißt und so lange wie derzeit sonst kein anderer auf der Welt an der Macht ist? Autorisierte Biographien über Castro sind in Kuba bereits erschienen, außerhalb der Revolutionsinsel auch einige um Objektivität bemühte Lebensbeschreibungen und sogar auch sehr kritische Werke.

          Norberto Fuentes, ein kubanischer Erzähler und Lyriker, schreibt, wie Fidel Castro spricht, läßt den "Comandante en Jefe de la revolución" sich verteidigen, seine Taten rechtfertigen und um Verständnis für seine diktatorische Herrschaft werben. Doch Norberto Fuentes, jahrzehntelang ein enger Freund Castros, lebt seit einigen Jahren im Exil, in Florida, also im Land des Erzfeindes der kubanischen Revolution, im, wie Castro zu sagen pflegt, Imperium. Er hatte bei dem Versuch, mit einem Boot über die karibische See zu fliehen, fast sein Leben verloren und erhielt dann jedoch von Fidel Castro, und zwar auf Vermittlung von Gabriel García Márquez, die Erlaubnis, ganz legal zu emigrieren. Fuentes lebte immer in der Nähe Castros, war lange Zeit ein besonders enger Vertrauter des Partei-, Regierungs- und Staatschefs. Als dieser dann seine Freunde, den General Arnaldo Ochoa und den Obersten Antonio de la Guardia, erschießen ließ, sagte er sich endgültig von ihm los.

          Mutig war Norberto Fuentes immer schon gewesen. Als das Regime im Jahre 1971 den Dichter Heberto Padilla verhaften ließ und nach einem Monat psychologischer Überzeugungsarbeit dazu zwang, eine schonungslose und teilweise geradezu absurde Selbstkritik vor seinen Kollegen zu üben, war Fuentes der einzige kubanische Schriftsteller, der Padillas Selbstkritik nicht akzeptierte und es auch ablehnte, sich selbst und andere kubanische Intellektuelle zu beschuldigen.

          Fuentes war sechzehn Jahre alt, als die von Castro geführte Guerrilla den von den Vereinigten Staaten geschützten Diktator Batista vertrieb. Er kämpfte in der Sierra del Escambray gegen konterrevolutionäre Gruppen, die sie damals die "Banditen" nannten. Seine ersten Veröffentlichungen waren Reportagen aus diesen Kämpfen, ebenso wie ein Erzählband, der mit Kubas wichtigstem Literaturpreis, dem "Casa de las Américas", ausgezeichnet wurde. In diesen Erzählungen geht es weniger um die Kämpfe der Banditen, sondern um die eigentlichen Opfer des Guerrillakrieges in den Bergen von Escambray, den aus ihrem normalen Leben vertriebenen und daraufhin zu Jägern oder Gejagten gewordenen Bergbauern.

          Obwohl er selbst für die Revolution Fidel Castros kämpfte, sind seine literarischen Werke keine Loblieder auf die Helden der Revolution. Später ging Fuentes mit den kubanischen Truppen in den Krieg nach Angola. Sein bekanntestes Werk vor der Autobiographie war die auch ins Deutsche übersetzte akribische Untersuchung über "Hemingway in Kuba".

          Was hat einen so ehrlichen Mann wie Norberto Fuentes so lange in der Nähe des Diktators Castro gehalten? Abgesehen von der Faszination, welche die Persönlichkeit Castros auf zahlreiche Intellektuelle ausübte, waren es wohl der Glaube an die soziale Gerechtigkeit, die auch Castro für erreichbar hält, und die Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Als dann die grausame Bedenkenlosigkeit des Machtpolitikers, der Castro auch war, zwei von dessen engen Freunden das Leben kostete, kündigte Fuentes dem Máximo Líder seine Gefolgschaft und schrieb im Exil die fingierte Selbstschau des Partei-, Regierungs- und Staatschefs, des Comandante en Jefe Fidel Castro.

          Castro ist kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag an diesem Sonntag zum ersten Mal in seinem Leben schwer erkrankt. Bei der Reaktion auf die Erkrankung, auch vieler seiner politischen Gegner, merkt man, daß es für viele Kubaner gar nicht so leicht sein wird, ohne ihre Leitfigur, ihren Übervater Fidel, zu leben. Die im spanischen Original fast zweitausend Seiten umfassende Autobiographie ist so etwas wie der Befreiungsschlag des Autors von der Person, die sein ganzes Leben bestimmt hat. In seinem Buch verschweigt Fuentes nicht die unangenehmen Seiten an Castros Charakter, auch nicht, wie leicht es dem Comandante fiel, Menschen erschießen zu lassen.

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