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Frühwerk von Elena Ferrante : Frühes Leid, angesiedelt in Neapel

Neapel mit dem Vesuv im Hintergrund Bild: Reuters

Elena Ferrantes Debüt „Lästige Liebe“ erschien im italienischen Original 1992 und enthielt bereits zahlreiche Motive ihres späteren Erfolgs. Jetzt wurde es auf Deutsch neu aufgelegt.

          Noch ist nicht bekannt, wann hierzulande die Verfilmung von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga ausgestrahlt wird, die sich von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart zieht. In Amerika ist die von HBO und Rai produzierte Fernsehserie „My Brilliant Friend“ bereits zu sehen, und die Reaktion der Kritiker fiel durchaus gemischt aus. Wer sich erst gar nicht auf die Vereindeutigung eines epischen Romanstoffs durch Bilder verlegen will, der kann stattdessen zu Ferrantes Erstlingswerk greifen, das jetzt in der Neuübersetzung von Karin Krieger noch einmal aufgelegt wurde.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „L’amore molesto“ – „Lästige Liebe“ – erschien im italienischen Original bereits 1992, und es heute zu lesen ist insofern reizvoll, als dieses Debüt bereits zahlreiche Motive und Themen erkennen lässt, die von der Autorin in ihrer späteren, von 2011 an erscheinenden Tetralogie über die Freundschaft der neapolitanischen Mädchen Lenù und Lila ausgeformt werden. Nicht nur ist „Lästige Liebe“ ebenfalls in Neapel angesiedelt und geht im Kern um häusliche Gewalt. Vor allem steht auch hier schon eine weibliche Beziehung im Mittelpunkt, allerdings keine horizontale wie in der Saga, sondern eine vertikale Verbindung, nämlich die zwischen einer Tochter und ihrer Mutter.

          Elena Ferrante: „Lästige Liebe“

          Und auch das Verschwinden nimmt wie später im Romanvierteiler bereits in diesem ersten literarischen Zeugnis Elena Ferrantes, die auch als Autorin die Anonymität vorzieht, eine zentrale Rolle ein. In der Saga ist es das Mädchen Lila, das von dem Wunsch besessen ist, zu verschwinden. Jahrzehnte später wird sie genau das schließlich auch tun – was für Lenù überhaupt erst zum Anlass wird, die Geschichte ihrer Freundin von den Anfängen im patriarchalen und mafiös durchsetzten Arbeiterviertel Rione zu ergründen. Indem Lenù die Vergangenheit befragt, will sie Aufschluss über die Gegenwart erhalten.

          Ganz ähnlich verhält es sich im Roman „Lästige Liebe“, der ebenfalls mit einem Verschwinden eröffnet wird. Die Comiczeichnerin Delia erwartet den Besuch ihrer Mutter in Rom und ist zunächst nicht sehr beunruhigt, als diese nicht auftaucht. Trotz ihrer Spannungen sehen die beiden sich regelmäßig, manchmal nimmt die Mutter einfach nur einen späteren Zug. Diesmal aber kommt Amalia nicht an, stattdessen erhält die Tochter mehrere beunruhigende Anrufe, in denen ihr die Mutter zunehmend verworrene Geschichten erzählt, dass sie nicht sprechen könne, da ein Mann bei ihr sei und dass sie verfolgt werde. „Geh schlafen. Ich nehme jetzt ein Bad“, sind die letzten Worte von Amalia am Telefon. Am nächsten Tag wird ihr Leichnam an den Strand von Spaccavento gespült.

          „Lästige Liebe“ entfaltet sich im Folgenden zu einem Psychodrama über die unheilvollen Dynamiken einer dysfunktionalen Familie. Als Delia zur Beerdigung in die alte Heimatstadt Neapel fährt – was alte Wunden wieder aufreißt, die nur vermeintlich verheilt waren –, macht sie sich daran, herauszufinden, was ihrer Mutter in den Stunden vor ihrem Tod widerfahren ist. Wer war der Mann, der angeblich bei ihr war, und was hat es mit der ominösen Unterwäsche zu tun, die sie in einem Koffer findet? Delias Recherche führt tief in die Familiengeschichte. So begegnet sie ihrem einst gewalttätigen Vater, einem Maler, den sie, nachdem sich die Eltern früh getrennt hatten, jahrelang nicht gesehen hat. Wie eine Detektivin folgt sie den Mustern und Zeichen, doch je mehr sie forscht, umso unheimlicher ist, was zutage tritt, bis die junge Frau in eine Albtraumwelt abdriftet, die so nahtlos in das Geschehen eingewebt ist, dass der Leser stellenweise nicht mehr weiß, was real ist und was halluziniert.

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          Caserta, der mit Delias Vater nach dem Krieg einst Geschäfte machte und von dem es einmal heißt, sein Name klinge wie der eines Unholds aus dem Märchen, wird bald zur Schlüsselfigur nicht nur für die jüngsten Ereignisse, sondern für die gesamte Historie, und dass Delia mit diesem Namen Gefühle wie Schwindel und Atemnot verbindet, führt schließlich zum verdrängten Knoten. In diesen allerdings ist sie selbst aufs Unheilvollste verstrickt. Ferrantes Erzählbogen nimmt auch hier die neapolitanische Welt mikroskopisch in den Blick, und man kann diesen Roman als Psychothriller lesen, als Gesellschaftsroman, es gibt drastische Szenen über Misshandlung. Das Auffälligste aber ist die literarische Wildheit dieses Debüts, eine assoziative Glut. Sprachliche Wohlgeordnetheit für eine verstörend unaufgeräumte Welt wie in der Saga ist in diesem packenden Mutter-Tochter-Drama nicht anzutreffen.

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