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: Das bin ich nicht, das ist nicht Käbi

  • Aktualisiert am

Um Liebes- und Leibesszenen hat sich Ingmar Bergman im Kino nie herumgedrückt. Sein "Monika" (in Österreich hieß er "Rausch der Liebe") war einer der freizügigsten Filme der verkrampften fünfziger Jahre, und die Sex- und Nacktszenen in "Das Schweigen" trugen Bergman in christlichen Milieus den Ruf eines Pornographen ein.

          Um Liebes- und Leibesszenen hat sich Ingmar Bergman im Kino nie herumgedrückt. Sein "Monika" (in Österreich hieß er "Rausch der Liebe") war einer der freizügigsten Filme der verkrampften fünfziger Jahre, und die Sex- und Nacktszenen in "Das Schweigen" trugen Bergman in christlichen Milieus den Ruf eines Pornographen ein. Auch "Die Jungfrauenquelle", "Persona", "Szenen einer Ehe" und "Schreie und Flüstern" enthalten Einstellungen unverbrämter Körperlichkeit: Bilder von Tod, Liebe, Lust und Schmerz.

          Aber Bergmans Liberalität im Leiblichen kennt Grenzen. Eine solche Grenze hat, wie es scheint, der schwedische Schriftsteller Alexander Ahndoril mit seinem neuen Buch überschritten. Ahndoril, dessen Werke - darunter Titel wie "Der Thaiboxer", "Die echte Frau", "Die schwedische Sünde" und "Die Hure von Konstantinopel" - noch nicht ins Deutsche übersetzt sind, schildert in seinem Roman "Regissören" (Der Regisseur) das Leben Bergmans zu Beginn der sechziger Jahre. Damals, genauer: von 1959 bis 1965, war der Regisseur mit der Pianistin Käbi Laretei verheiratet, die später eines der Musikstücke in "Herbstsonate" spielte und in "Fanny und Alexander" in einer Nebenrolle auftrat. Ahndoril hat offenbar auch die sexuelle Seite dieser Beziehung ausgemalt und damit Bergmans Zorn erregt. Die Beschreibung der nackten Käbi sei "eine Schweinerei", sagte Bergman dem Reporter eines Fernsehmagazins, und die Schilderung seines Privatlebens "eine Beleidigung und Demütigung", außerdem langweilig und total uninteressant. Zumindest letzteres ist widerlegt, denn inzwischen haben sämtliche schwedischen Zeitungen über den Fall berichtet. Der angegriffene Autor schlug mit der Bemerkung zurück, Bergman selbst müsse "besser als jeder andere" die Bedingungen künstlerischer Arbeit kennen. Von einer Klage, einem Prozeß war bisher nicht die Rede.

          Es ist allerdings nicht leicht, ein Kultregisseur zu sein, ein lebendes Denkmal des Kinos. In Europa gibt es höchstens eine Handvoll Filmemacher, über die man Romane schreiben könnte, in Amerika vielleicht noch einmal so viele. Bergman gehört jedenfalls dazu. Natürlich handelt "Regissören" auch von anderen wichtigen Dingen, von der Freiheit und den Abhängigkeiten des Künstlers, vom Ringen um Filmprojekte, Ideen und Geld. Und vermutlich hätte Ingmar Bergman, wenn er das Leben eines anderen Regisseurs verfilmt hätte, auch nicht auf Liebesszenen verzichtet. Aber jetzt ist er selbst zum Bild im Auge eines Betrachters geworden, und das tut weh. Er spricht von Käbi, aber er meint sich selbst. Im Medienzeitalter ist Ruhm ein Fluch, dem kein Lebender entgeht. Da hilft auch keine Insel in der Ostsee.

          ANDREAS KILB

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