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Sophie Calles „Das Adressbuch“ : In der Falle der Flaneurin

„Das Adressbuch“ machte sie bekannt: Die Künstlerin Sophie Calle. Bild: Jean-Baptiste Mondino

Spionin im eigenen Auftrag: Sophie Calles Nachforschungen über einen Unbekannten sind heute so beunruhigend wie zur Zeit ihrer Entstehung in den Achtzigerjahren.

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          Sie ist eine der prominentesten Künstlerinnen der Gegenwart. Berühmt gemacht haben Sophie Calle, 1953 in Paris geboren, die von ihr inszenierten Nachstellungen, Recherchen und Schnüffeleien in den Leben und in den Privatsphären anderer Menschen, wobei sie selbst sich nicht ausnimmt. Das betreibt sie, die sich am ehesten eine Konzeptkünstlerin nennen lässt, an den Schnittstellen von Text und Fotografie zu ihrer eigenen Person, die immer Maskerade ist, in der Grauzone von Realität und Fiktion. Sie schlich sich als Zimmermädchen in ein Hotel in Venedig ein und durchsuchte die persönlichen Dinge der Gäste. Bei der Biennale in Venedig 2007 ließ sie die angebliche E-Mail, mit der sich ihr Lebensgefährte von ihr getrennt hatte, von mehr als hundert Frauen verlesen und deuten.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ihren bis heute am meisten umstrittenen Coup landete sie Anfang der Achtziger: Es war eine Serie von Artikeln, die in der französischen Tageszeitung „Libération“ veröffentlicht wurde, zwischen dem 2. August und dem 4. September 1983; sie geriet zum Skandal unter dem Titel „L’homme au carnet“. Als „Das Adressbuch“ sind diese Kolumnen jetzt auf Deutsch erschienen, 36 Jahre später. Sie habe, schreibt Sophie Calle im Vorwort zur deutschen Ausgabe, Ende Juni 1983 in der Rue des Martyrs in Paris ein Adressbuch gefunden. Der Name der Straße im 9. Arrondissement von Paris klingt beinah wie ein kryptischer Hinweis, Straße der Märtyrer. Sie habe das Buch, so schon der Auftakt in „Libération“ damals, komplett kopiert und dann anonym an seinen Besitzer zurückgeschickt. Die darin genannten Personen werde sie, so die Ankündigung, anrufen und ihnen sagen: „Ich habe auf der Straße zufällig ein Adressbuch gefunden. Ich habe darin Ihren Namen gesehen und möchte Sie gerne treffen.“ Sie werde diese Personen bitten, ihr vom Besitzer des Adressbuchs zu erzählen: „Mit der Zeit werde ich ihn kennenlernen. Er heißt Pierre D.“

          Sophie Calle: „Das Adressbuch“. Aus dem Französischen von Sabine Erbrich. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 105 S., Abb., geb., 22,– .

          Zunächst einmal geht es, jedenfalls scheinbar, um die Obsession einer Flaneurin. Die Zufälligkeit des Projekts, das als Kunstaktion zu gelten hat, soll auch ein Foto beglaubigen, das ein stark benutztes carnet am Fuß eines Bistrotischchens liegend zeigt. Die Frage nach dem Wahrheitswert dieser Fotografie stellt sich unmittelbar. Auch deshalb trifft Sophie Calles heute nachgerade veraltet analog anmutende Methode noch immer einen empfindlichen Nerv. Die Gefährlichkeit liegt im Gedanken der Observation, obwohl – oder vielleicht gerade weil – die Zielperson selbst außen vor gelassen, aber durch die Aussagen Dritter eingekreist wird. Die Anmutung des stalking drängt sich auf, wenn die Schnüfflerin eine Verliebtheit in „Pierre D.“ früh anklingen lässt: „Als hätte er gewusst, dass ich noch nicht bereit war, ihm gegenüberzutreten“, kommentiert sie am 10. August 1983 ein Foto, das ihr einer der Befragten gegeben haben soll. Darauf blicken vier Personen in die Kamera, nur „Pierre D.“ dreht ihr den Rücken zu. Dass Calle später in Interviews ihre Verliebtheit in ihn bekräftigt, gehört dazu, wie ein Nachspiel auf dem Theater.

          „Das Adressbuch“ ist eine tatsächlich unheimlich spannende Lektüre. Obwohl die Kolumnen sich meistens als sachliche Gesprächsprotokolle ausgeben, handeln sie nur auf den ersten Blick von oberflächlichen Alltagsinformationen in Berufs- und Liebesdingen. Er „wäre ein abgeklärter Marx Brother, ein abgeklärter Clown“; dass er an einem Filminstitut arbeitete, ein Drehbuchautor sei; dass er einen Film drehen wollte, der „Passage der Lust“ heißen sollte; dass er „sehr witzig, ein Verführer“ war, sich aber schnell aus diesem Spiel zurückzog. Der zweite Blick aber macht argwöhnisch, ein Freund von „Pierre D.“ sagt: „In seiner Persönlichkeit hat sich etwas herausgebildet, was man eine ,dreckige Seite‘ nennen könnte“, und: „Die Liebe ist für ihn ein aussichtsloses Unterfangen.“ Ob sich das nicht auch über seine Nachstellerin sagen ließe, fragt man sich unwillkürlich. Die obendrein das unerhörte Glück hatte, dass sich „Pierre D.“ während ihrer Recherchen angeblich weit weg, im Norden Norwegens, aufhielt.

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