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: Dante ist Hartz-IV-Empfänger

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Brutal ist gar kein Ausdruck. Tobias O. Meißner ist vielmehr der unbestrittene deutsche Meister in einer künstlerischen Manier, die man eher aus dem Film kennt als aus der Literatur: in der Welt der Grausamkeit, dessen, was man "Splatter" nennt, von dem uns Quentin Tarantino oder David Cronenberg eine erste Ahnung gegeben haben.

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          Brutal ist gar kein Ausdruck. Tobias O. Meißner ist vielmehr der unbestrittene deutsche Meister in einer künstlerischen Manier, die man eher aus dem Film kennt als aus der Literatur: in der Welt der Grausamkeit, dessen, was man "Splatter" nennt, von dem uns Quentin Tarantino oder David Cronenberg eine erste Ahnung gegeben haben. "Meister" will hier zweierlei besagen: Zum ersten, er beherrscht so viele Variationen des Blutrünstigen und des Phantastischen, daß man gleichsam gegen das eigene Gewissen mit wachsendem Genuß der Geschichte des Hiob Montag folgt, bei der man mit dem Zählen der Niedergemachten kaum nachkommt. Zum zweiten, Meißner hat ein so deutliches Empfinden für literarische Qualität und Tradition, daß man selbst dem Geschmackswidrigsten nicht wenig abgewinnen kann.

          Also Vorsicht: Dies ist kein "guter Roman" im Sinne der netten, gebildeten Buchhändlerin, die uns auch nie im Leben wird versichern können, es "selbst gelesen" zu haben. Die Warnung steht ja schon auf dem Umschlag: "Explicit Lyrics" - aber das ist eine höfliche Untertreibung des Autors. Im zunehmend weiblich dominierten Betrieb der anerkannten höheren Literatur wird sich Meißner wohl nicht durchsetzen können, aber das kümmert ihn mit Recht sehr wenig. Er hat eine verschworene Gruppe von Lesern, die dem Buch den Weg bereiten werden.

          Anders als im "Paradies der Schwerter", Meißners vorletztem, vielbewundertem Roman, sind hier alle, die übereinander herfallen und sich metzeln, sich durch wüste Hundemeuten und wiedergeborene Samurai, durch Schnee und Feuer und Schlamm mit Panzerfaust oder Taschenmesser hindurchkämpfen, Dämonen in die Flucht schlagen und Gefangene grundsätzlich nicht machen - Gotteskrieger. Krieger eines guten Gottes also, des "monotheistischen", von dem wir derzeit so viel hören?

          Nein, ganz so ist es doch nicht. Meißner ist Gnostiker. Die antike Gnosis hatte ja zwischen den Vater und den Sohn, den Schöpfer und den Erlöser eine unübersteigbare Barriere gelegt: Der Vater konnte danach der gute, der gnädige Gott nicht sein. Die Kirche hat diese Lehren verurteilt, aber in religiösen Krisen und den darin gärenden Grübeleien erheben sie stets aufs neue, wie nach einem Naturgesetz, ihr Haupt. Zweifel am "guten" Gott hat schon der Hiob des Alten Testaments. Nicht ganz zu Unrecht - wird er doch zum Gegenstand eines Abkommens zwischen Gott und dem Widersacher.

          Die antike Gnosis war Sache einer Elite, die neue ist ein Glaube der Unterschicht. Hiob Montag, ein junger Mann im Berlin der neunziger Jahre, sieht die Welt nicht versöhnt und von oben, sondern meist von sehr weit unten, wo die Junkies und die jungen Türkenbosse den Ton angeben. Beherrscht wird dieses Berlin von einer zweideutigen, heilig-unheiligen Sphäre, die sich "Wiedenfließ" nennt, ein bißchen an schöne deutsche Ortsnamen erinnernd. Das höchste Wesen aber trägt einen Namen, der aus fernen Comic- oder Mangawelten zu stammen scheint: NuNdUuN. Hiob läßt sich mit ihm auf ein Spiel ein, bei dem er meist vernichtend, seinerseits in Lebensgefahr, durch die Metropole zieht, damit aber "Punkte" im Spiel macht und so die großen Schläge NuNdUuNs gegen die Menschheit einstweilen aufhält.

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