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: Daniil Charms mag gerne Quatsch

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Humor wächst am besten in der Verzweiflung. Daniil Charms, russischer Kultdichter des absurden Humors, schrieb zu Zeiten des kulturellen Nuklearwinters. Seine sowjetdadaistische Dichtergruppe Oberiu, auf der Heckwoge der Avantgarde 1927 gegründet, wurde nach wenigen Wochen praktisch verboten. Charms, ...

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          Humor wächst am besten in der Verzweiflung. Daniil Charms, russischer Kultdichter des absurden Humors, schrieb zu Zeiten des kulturellen Nuklearwinters. Seine sowjetdadaistische Dichtergruppe Oberiu, auf der Heckwoge der Avantgarde 1927 gegründet, wurde nach wenigen Wochen praktisch verboten. Charms, der der staatlichen Vereinnahmung sein Credo entgegenstellte, ihn interessiere nur Quatsch, das, was keinerlei praktischen Sinn habe, findet als Kinderbuchautor zeitweilig Zuflucht und Auskommen. Nach einer Verhaftung wegen "illegaler literarischer Umtriebe" wagt er in den dreißiger Jahren seine Erwachsenenliteratur selbst Freunden kaum mehr zu zeigen. Der Staatsterror lichtet die Schriftstellerreihen, Charms leidet an chronischer Unterernährung. Während die Deutschen Leningrad blockieren, verhungert der Dichter, der die Hungererfahrung in komisch karge Verse goss, in der Gefängnispsychiatrie.

          Peter Urban, dem das deutsche Publikum schon die Bekanntschaft mit Charms' Prosa und Theaterstücken verdankt, beschert uns nun in einem schönen Band der Edition Korrespondenzen auch eine deutsche Übertragung der Gedichte, von denen zu Lebzeiten des Autors nur zwei gedruckt wurden. Den Nonsens-Balladen, Lautturnereien, mathematischen Mystifikationen, Gebeten an den ungeglaubten Gott fehlt vielleicht die absurde Stringenz von Charms' Prosaminiaturen. Dafür facettieren sie durch minimalistische Verswiederholungen und alogische Fehlschlüsse das Bild einer Existenz, die die totalitäre Maschine zermalmt und der die Avantgarde die letzten Sinnmoleküle zersprengt hat.

          Charms' lyrische Helden sind betont identitätslose Systemstatisten: Iwan Iwanytsch, Mamascha oder Petrow. Ihr dürftig gestricheltes Dasein erfüllt sich in kreatürlichem Hunger, dumpfer Wollust, reflexhafter Aggression. Der Dichter scheint aus den Ritzen des aus Heroismus, Pathos, Moral, Hygiene aufgetürmten Gesellschaftsmolochs die Staubkörner des menschlichen Rests herauszukratzen. Auch die Erkenntnissuche von Charms' Alter-Ego-Philosophen fördert höchst unnütze, also humane Wahrheiten zutage. Der in ein Mädchen verliebte Physikstudent halluziniert sich Körper, die einander anziehen, der Tüftler will Elektrizität im Mikroskop erspähen. Erlösung findet der Grübelzwang in Charms' geliebter Null-Figur, vor allem in Gestalt sich ausbreitender und verschwindender Kreise auf dem Wasser, die tiefe Gedanken hervorrufen und nichts hinterlassen.

          Wie ein Barockdichter belagert Charms den abwesenden Gott mit ungelenken Anrufungen. Als Künstler bittet er um die Entbremsung seiner Vorstellungskraft, als Naturmensch im Wald um Beistand für seine Liebeslust. Gebete porträtieren vor allem den Absender. Deswegen kann der Hilferuf Ogott plötzlich lebendig werden und herabsteigen. Doch was das Leben ewig macht, so prophezeit eines der schönsten Gedichte, sind die Rohstoffe Fröhlichkeit und Dreck. Der Gott, der den Staub endlich wegsäubert, bleibt, sich selbst der einzige Freund, in dunkler Kälte allein.

          KERSTIN HOLM

          Daniil Charms: "Die Wanne des Archimedes". Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt von Peter Urban. Verlag Edition Korrespondenzen, Wien 2006. 224 S., geb., 23,- [Euro].

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