https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/daniela-droeschers-roman-luegen-ueber-meine-mutter-18266197.html

Daniela Dröschers neuer Roman : Mein Vater, der Lügner

  • -Aktualisiert am

Der Schritt auf die Waage: eine Qual Bild: picture-alliance / Okapia KG, Germany

Wie soll er es bei ihrem Gewicht zu etwas bringen? Daniela Dröscher erzählt in ihrem Roman „Lügen über meine Mutter“ vom Drama eines Ehelebens in den Achtziger- und Neunzigerjahren.

          2 Min.

          Kann man seinem Vater verzeihen, wenn er die eigene Mutter zu dick findet und sie ständig missbilligend beäugt? Sie zu einer „FdH“-Diät, sprich „Friss die Hälfte“, nahezu erpresst? Ihr Geld verweigert, als stünde das Familieneinkommen allein ihm zu? Vielleicht kann ein Kind seinem Vater so etwas später verzeihen, doch in diesem Buch erfährt man nicht, ob es möglich ist. In Daniela Dröschers Roman „Lügen über meine Mutter“ geht es nur um diese Mutter, die in ihrer gesamten Ehe als zu dick galt und deren Gewicht – so absurd es klingt – der Grund für jegliches Versagen ihres Mannes sein sollte.

          Dröscher ist wie ihre Protagonistin Ela 1977 in Rheinland-Pfalz geboren. Ob es eine autobiografische Grund­lage fürs Buch gibt, bleibt offen, doch die Zwischenkapitel lassen es vermuten. Denn in vier aus der Sicht von Ela geschilderten Kindheitsjahren gibt es auch immer wieder Unterbrechungen einer allwissenden Ich-Erzählerin, die versucht zu erklären, wie es zwischen den Eltern so weit kommen konnte. Und aus Gesprächspassagen mit der Mutter schließt man erleichtert, dass es irgendwann zur Trennung kam.

          Düstere Familien­atmosphäre, durchs Dorf verstärkt

          Elas Kindheit ist geprägt von Streit zwischen Vater und Mutter. Die will ein Diplom in Französisch machen, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben – was er nur erlaubt, wenn sie abnimmt und den Kurs selbst zahlt. Später dann kommt sie ohnehin nicht mehr zum Lernen, weil sie mit dem zweiten Kind schwanger ist und sich um ihre an Alzheimer erkrankte Mutter kümmern muss. Der Vater macht derweil allein Skiurlaub.

          Die düstere Familien­atmosphäre wird verstärkt durch das Dorf, in dem sie wohnen. Wegen des Mannes ist das Ehepaar nach Elas Geburt aus München zurück in dessen Heimat gezogen, in der die Mutter immer eine Fremde bleibt. Während er den Dialekt spricht und ein intaktes soziales Umfeld besitzt, bleibt sie meist einsam. Mit einer eifersüchtigen Schwiegermutter im Haus und dem Wunsch des Vaters, im Dorf zu protzen – am besten auch mit einer dünnen Frau –, beginnt der Untergang der Mutter.

          Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 448 S., geb., 24,– €.
          Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 448 S., geb., 24,– €. : Bild: Kiepenheuer & Witsch

          Denn Sellerie-, Farb- und „FdH“-Diäten sowie der Gang zu den „Weight­watchern“ helfen nichts, und der Ballon, den sich die Mutter trotz Risiken in den Magen einsetzen lässt, um den Hunger zu stoppen, kann auch nichts ausrichten. Wegen ihrer Figur darf sie nicht mit in den Badeurlaub, und die Dorfbewohner tuscheln, wenn sie die dicke fremde Frau sehen.

          Dröscher zeigt mit ihrem Roman, wie ungerecht das Leben für Frauen noch vor dreißig Jahren war. Es macht wütend, von diesem Patriarchen zu lesen, dessen Miene, wie es heißt, das Klima in der Familie bestimmt. Der noch nie einen Teller abge­waschen, kein Hemd gebügelt und am Tag der Entbindung seiner Frau mit anderen Dorfbewohnern trinken war.

          Ein glückliches Ende bietet dieser Roman nicht. Vielmehr eine Akkumulation der Misere einer Frau, die immer dicker wird und ohne jegliche Anerkennung für ihre Arbeit lebt. Ihr Leben ist eine Qual, wie für viele andere Frauen auch, die selbstlos Verzicht leisteten, und sie endet erst, als die Kinder aus dem Haus sind. Erst danach kann Ela die Äußerungen ihres Vaters über die Mutter als das erkennen, was sie waren: Lügen. Zu spät für eine Familie, von der man sich wünscht, sie wäre schon früher zerbrochen.

          Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“. Roman.Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 448 S., geb., 24,– €.

          Weitere Themen

          Ein wahrer Western

          Neue Serie „The English“ : Ein wahrer Western

          In der Serie „The English“ zeigt Hugo Blick die Geschichte der Vereinigten Staaten ungeschönt. Die Ureinwohner kommen endlich zur Geltung. Und Emily Blunt ist in ihrer Hauptrolle eine einzige Wucht.

          Komponist spät geehrt

          Christfried Schmidt wird 90 : Komponist spät geehrt

          In der DDR war er ein Außenseiter, im wiedervereinten Deutschland blieb er es, bis sich nun eine neue Generation für ihn begeistert. Der Komponist Christfried Schmidt wird neunzig Jahre alt.

          Topmeldungen

          Umgang mit Krisen : Wie wir in düsteren Zeiten Hoffnung finden

          Krieg, Klimawandel, Pandemie, Inflation, Energiekrise – und nun kommt die schwerste Jahreszeit. Wie hält man das durch? Wir haben Menschen gesprochen, die das schaffen, trotz allem.
          Putin mit den Müttern von Kämpfern

          Putin trifft Mütter : Lieber Heldentod als Verkehrsunfall

          Um auf Kritik zu reagieren, arrangiert der Kreml ein Treffen mit ausgewählten Müttern von Kämpfern. Ihnen erzählt der Präsident, wie gut es sei, für die Heimat zu sterben statt durch Alkohol oder einen Unfall.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.