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Daniela Dröscher: Pola : Mädchen, die als Frauen zur Welt kommen

Bild: Verlag

Wie schreibt man einen Roman über eine Frau, deren Leben sich auch ohne fiktionale Eingriffe wie ein Roman liest? Daniela Dröscher versucht sich an Pola Negri.

          3 Min.

          Gestatten: Pola Negri in ihrer besten Rolle. Nicht im Film, nicht auf der Bühne, sondern als sie selbst. Denn spektakulärer als alle Ballette für die Tänzerin und besser als alle Drehbücher für die Schauspielerin war ihr Leben: neunzig Jahre, von der Geburt als Apolonia Chalupiec 1897 im damals russischen Lipno, bis zum Tod 1987 in San Antonio, Texas.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie war die Tochter einer polnischen Mutter und eines slowakischen Einwanderers, der vom Zarenregime nach Sibirien deportiert wurde, als Pola noch ein Kind war. Mit fünfzehn wurde sie in Warschau als Tänzerin entdeckt und entkam nur knapp dem Tuberkulosetod. Bei einem Auftritt in Berlin, in Max Reinhardts Deutschem Theater, fiel sie 1917 Ernst Lubitsch auf, der Rest ist Filmgeschichte: Lubitschs Hauptdarstellerin für ein halbes Jahrzehnt, dann als erster europäischer Star ein Studiovertrag in Hollywood, Liebschaften mit Rudolph Valentino und Charlie Chaplin, den männlichen Filmstars der Stummfilmzeit. Heirat mit einem georgischen Prinzen und Rückzug von der Leinwand 1928, als der Tonfilm aufkam, Comeback wenig später und dann 1934 die Rückkehr nach Deutschland, ins NS-Filmgeschäft. Ihr Leben ist noch nicht halb herum und liest sich schon wie ein Roman. Aber es war keiner. Bis jetzt.

          Berechnend und unschuldig

          Daniela Dröschers „Pola“ macht schon im Titel kein Geheimnis aus seinem Gegenstand. Und er lässt auch von Beginn an keinen Zweifel daran, dass er nicht das ganze Leben der Diva zum Gegenstand haben wird. „Es war der Tag, an dem Pola Negris Karriere zu Ende ging“, so hebt der Roman an. Es ist 1934, und die Schauspielerin braucht einen Erfolg. Noch mehr aber braucht sie Aufmerksamkeit, denn Pola Negri ist einsam. Das ist das Erbe ihrer Kindheit, über die Daniela Dröscher so gut wie nichts erzählt, ebenso wenig wie über die späteren Erfolge. Es gibt ein paar Rückblicke, ein paar Gespräche, in denen wichtige Details enthüllt werden, doch ansonsten wahrt „Pola“ bis auf einen Epilog, der die Schauspielerin ins Jahr 1964 führt, die Einheit von Zeit und Raum. Krisenzeit und Krisenraum. Wir folgen der Protagonistin aus Hollywood ins nationalsozialistische Berlin, bis zur Premiere von Willy Forsts „Mazurka“ im November 1935.

          Was Pola Negri in Deutschland widerfährt, ist höchst skurril. Und so schreibt Daniela Dröscher es auch auf: als Farce, als Kolportage, allerdings ohne dass die Namen von Hitler, Goebbels, Göring, die alle auch eine Rolle spielen, genannt würden. Es ist, als ob ein Tabu über der Diktatur läge, in die Pola Negri zurückkehrt: Sie will nicht nennen, was sie diskreditiert. Erzählt wird aus ihrer Perspektive, aber auktorial, nicht als „Ich“. Doch ihren Ärger, die Scham, das Vergnügen, die Faszination - das alles empfindet man beim Lesen mit dieser Frau, die unerträglich eingebildet und berechnend auftritt, und zugleich auch unschuldig, weil sie vor lauter Selbstliebe blind ist für das, was um sie vorgeht.

          Fahrlässige Formulierungen

          Darum ist „Pola“ auch ein psychologischer Roman und somit eine Fortsetzung von Daniela Dröschers 2009 erschienenem Debüt „Die Lichter des George Psalmanazar“. Darin hatte sie die Geschichte eines Außenseiters erzählt, eines enfant sauvage, das kein Geringerer als der englische Schriftsteller Samuel Johnson für die Gesellschaft tauglich machen wollte - zu seinem eigenen höheren Ruhm. Diese egoistische Motivation findet sich in „Pola“ noch verstärkt - geht es der Protagonistin doch nicht um die Vervollkommnung eines anderen, sondern um die Behauptung ihrer selbst. „Es gibt Mädchen“, ist der Mutter von Pola gesagt worden, „die kommen als Frauen zur Welt.“ George Psalmanazar wie Pola Negri sind um ihre Kindheit betrogen.

          Wo der Debütroman jedoch das achtzehnte Jahrhundert auch sprachlich vermittelte, hat „Pola“ keine Stilebene zu bieten, die den Handlungszeitraum plausibel machte. Schon „Gloria“, der 2010 erschienene Erzählungsband von Daniela Dröscher, hatte das Artistisch-Artifizielle des Erstlings gegen Sachlichkeit in der Sprache eingetauscht, aber da alle diese Geschichten in der Gegenwart spielten, empfand man das nicht als Verlust. „Pola“ aber ist nun wieder ein historischer Roman, und es irritiert, darin nicht einmal den Versuch einer stilistischen Anverwandlung zu finden. Sorglos, bisweilen gar fahrlässig wird hier formuliert: Gleich dreimal findet sich die markante und darum auffällige Floskel „auf halbmast“. Zweimal sind es die Lider Pola Negris, einmal ihre Jalousien, die so beschrieben werden, doch auf jeden Fall erfolgt die Verwendung dieser Metapher zweimal zu oft.

          Das ist symptomatisch für das formale Defizit von „Pola“: eine sich ihrer selbst zu wenig bewusste, zu indifferent gebrauchte Sprache. Das ist erstaunlich bei einer so talentierten Schriftstellerin. Das inhaltliche Problem des Romans liegt dagegen gerade in einer ihrer selbst zu bewussten Mythisierung von Pola Negris deutschem Zwischenspiel der Jahre 1934/35: Durch Wahrsagerstimmen wird die Zukunft vorweggenommen, eine geheimnisvolle Metallspule dient als MacGuffin in einer politischen Intrige, die Dreharbeiten zu „Mazurka“ fungieren als Katharsis für die gealterte Diva. Das ist viel, zu viel für einen Roman, der von einem Leben erzählt, das schon ohne fiktionale Eingriffe wie ein Roman daherkam.

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