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Daniela Danz: Pontus : Flüstern im Widderhorn

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Bild: Wallstein Verlag

„Eine eiserne / Ration Homer“ verspricht Daniela Danz, wenn sie Odysseus und Stalins U-Boote auf Kollisionskurs bringt. In ihren Gedichten sticht Daniela Danz in See.

          „Eine eiserne / Ration Homer“ verspricht Daniela Danz, wenn sie Odysseus und Stalins U-Boote auf Kollisionskurs bringt. In ihrer von Prosaminiaturen begleiteten Lyrik sticht die Autorin in See, erwandert die Länder Südosteuropas und Kleinasiens und vermisst die Grenzen der Vergegenwärtigung. Danz beginnt ihre aus fünf Zyklen bestehende Reise an den Pontus nicht ohne das schwere Gepäck der Geschichte der Gegenden, ihrer Mythen und Märchen. Bereits im einleitenden Gedicht „Helles Meer“ bezieht sie sich auf den Ursprung der Argonautensage. Auf ihrer Flucht nach Kolchis auf einem fliegenden Widder stürzt die boötische Königstochter Helle ins Meer, das im Altertum den Namen der in ihm Ertrunkenen trug: Hellespont.

          Zwischen Identifikation und Befremden variiert das lyrische Ich die Erzählung im eigenen Empfinden, stürzt sich in ihre Bilder und sieht sie ihrerseits in sich zusammenstürzen. Vergangenheit und Gegenwart, Mythos und Realität im Wechsel aufnehmend und fallen lassend, prüft Danz die Tragfähigkeit der Tradition, ohne den Blick für die Fragilität der auf ihr balancierenden eigenen Sprache zu verlieren: „Helle am lichtlosen Meerboden / weidest du deine Ideen / vom Kaukasus: Kolchis Kolchis / hast du dem Widder / in die Bögen der Hörner geflüstert / Kolchis sagtest du siehst du / das zieht ihn – alles falsch Helle / nichts zog den Widder es waren / nur meine Schenkel die ihm / in die Weichen drückten“.

          Brücke und Grenze in einem

          „Pontos Euxeinos“ war im antiken Griechenland der Name des Schwarzen Meeres, das „Gastliche Meer“. Als Gäste und Fremde zugleich bleiben die Gedichte unterwegs, ist das Meer ihnen Brücke und Grenze in einem. Orte und Gestalten der Mythologie kontrastiert Danz mit inhaltlichen Brüchen und neuen Perspektiven. „Danae sitzt im Gehäuse der Zollstation“, „hi medea sagt jason“ und Iphigenies Tempel auf Tauris steht auf jenem Berg, unter dem Stalin im Zweiten Weltkrieg „einen atombunker zum schutz vor bomben zehnmal stärker als die kraft der hiroshimabombe in den fels graben ließ“. Der ukrainische Märchenheld Danilo kann mit gefälschten Papieren das lyrische Ich auf seiner Reise nicht lange begleiten. Auch christlich-jüdischer Glaube und Islam sind zentrale Themen, denen sich die Autorin in behutsamen Bildern nähert. Im Gedicht „El Al (Boeing 767)“ etwa, das den Namen der größten israelischen Fluggesellschaft angesichts seiner biblischen Grundbedeutung „nach oben, zu Gott hin rufen“ verdichtet, befragt sie die Kraft der Worte selbst: „in der Klarheit der Luft der Kälte der / Stratosphäre scheint es / als könnten die Kräfte die sie geformt / mit sicheren Händen / auch mir im bloßen Erblicken die schönere Form geben“.

          Ihre Themen bearbeitet Danz mit großem Formbewusstsein und Gespür für Rhythmus und Versgrenzen. Im fünften und letzten Zyklus „Ex ponto“ wagt sie schließlich die formal ungebrochene Annäherung an die Antike. Die Gedichte sind sämtlich in der antiken Strophenform der alkäischen Ode geschrieben. So macht sich Danz am Ende ihrer Bereisung des Schwarzen Meeres auf den Weg, nicht nur thematisch, sondern auch formal die Grenzen der Antikerezeption auszuloten: Wie kann man heute und im Deutschen mit seiner qualifizierenden Metrik alkäische Oden verfassen? Der Bezug zu Hölderlin schraubt den Anspruch immerhin ins Idealische. Auf dessen Vers „Komm! Ins Offene, Freund!“ ist ebenso angespielt wie auf seinen zentralen Begriff des Maßes, das der dionysischen Sprache Einhalt gebieten muss und sich beispielsweise im „Heilignüchternen“ der „Hälfte des Lebens“ findet.

          Über die Ufer der Poesie

          Gewiss laufen Danz’ Verse nicht Gefahr, über die Ufer der Poesie zu treten. Formal einwandfrei gearbeitet, erfüllt sie jede vom Metrum vorgegebene Silbe. Doch bleibt die Autorin in ihrer Reanimierung antiker Metrik bei einer naiven Formvollendung stehen, anstatt sie zu durchbrechen, die eigene Sprachbewegung inhaltlich einzuholen und auf diese Weise spannungsreich mit Formvariationen zu arbeiten. Widerstandslos fügt sich Welt in Bilder. Lediglich die Entscheidung für vier statt der üblichen drei oder fünf Strophen reflektiert auf den Verlust einer dialektische Bewegung der alkäischen Ode: Tradition und Gegenwart, Mythos und Realität bleiben sich gegenübergestellt.

          Daniela Danz wurde 1976 in Eisenach geboren; als freie Autorin und Kunsthistorikerin lebt sie in Halle an der Saale. 2004 erschien ihr Gedichtband „Serimunt“, zwei Jahre später der Roman „Türmer“. Mit „Pontus“ gelingt Danz die Fortsetzung ihrer in „Serimunt“ begonnenen poetischen Wanderung, die am Ende nur vor sich selbst zum Stehen kommt: „der pontus selbst ist die grenze. eine riesige grenze aus nichts als wasser und unseren gedanken“. Man darf gespannt sein, wohin die Reise geht.

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