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Daniel Birnbaums Roman „Dr. B.“ : In ständiger Gefahr

Das „Casablanca des Nordens“? Stockholm Anfang der vierziger Jahre Bild: Mary Evans Picture Library / Picture Alliance

Ständig war er in Gefahr, im Exil doch noch in die Mühlen des Krieges zu kommen: Daniel Birnbaums Roman „Dr. B.“ über die Stockholmer Jahre seines Großvaters.

          4 Min.

          Im Mittelpunkt dieser Geschehnisse am Beginn des Zweiten Weltkriegs steht ein Mann, der als Journalist seine Artikel unter dem Kürzel „Dr. B.“ schrieb. Dass es sich bei der Schilderung um einen Roman handelt, die Wahrhaftigkeit einer Fiktion mithin, stellt der Autor Daniel Birnbaum unmissverständlich klar. Zugleich bildet aber die Wirklichkeit der historischen Ereignisse den Hintergrund. Wenn das Wort Verstrickung, in seinem doppelten Sinn von bewusstem Handeln und schicksalhaftem Hineingezogenwerden, einen Sinn haben kann: Er wird in „Dr. B.“ Gestalt.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Auch die meisten der anderen handelnden Personen, nicht bloß die prominenten in der Gemengelage auf der politischen Bühne, hat es gegeben. Wer von diesem Buch gefangen ist, wird sich dabei wiederfinden, sie auf eigenen Wegen zu erkunden. Sie agierten an den oft unsichtbaren Fronten in der apokalyptischen Wirrnis im Stockholm der Jahre 1939/40, die Daniel Birnbaum unheimlich plastisch werden lässt. Er erweckt die schwedische Hauptstadt zum Leben, die wie ein „Casablanca des Nordens“ in jener Zeit anmutet: wo sich Menschen gesammelt haben, die gerade noch hoffen, bleiben zu können; die vor allem vor den Nationalsozialisten geflohen sind, viele von ihnen im Transit, in der Hoffnung auf Visa, auf die Weiterreise, zumeist nach Nord- oder Südamerika.

          „Dr. B.“ ist Immanuel Birnbaum, ge­boren 1894 in Königsberg als Sohn des Hauptkantors der jüdischen Gemeinde dort. Seit Ende der Zwanzigerjahre war er Korrespondent in Warschau für deutschsprachige Zeitungen (unter anderen auch für die Frankfurter Zeitung). Nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen emigrierte er, als konvertierter Jude und dem Widerstand in Polen nahestehend, mit seiner Frau und den zwei halbwüchsigen Söhnen nach Schweden. Von Stockholm aus schrieb Immanuel Birnbaum weiterhin unter seinem Kürzel Artikel für die liberalen Basler Nachrichten aus der Schweiz, daneben für ein Korrespondenzbüro in Berlin.

          Zwischen den Zeilen eines harmlos wirkenden Briefs

          In Stockholm begegnete er auch dem Verleger Gottfried Bermann Fischer, der ebenfalls mit seiner Familie emigriert war. Bermann Fischer betrieb dort seinen Exilverlag, in dem er die Werke von Thomas Mann oder Stefan Zweig veröffentlichte. Er gab Birnbaum eine Stelle als Lektor. Und erhoffte sich von dessen Verbindungen vielleicht – so will es der Roman, und manches spricht dafür – Hilfe bei der Beschaffung von Transitvisa für die Sowjetunion, um in die Vereinigten Staaten auswandern zu können. Über Bermann Fischer kommt Birnbaum in Berührung mit einer Gruppe von anti­nazistisch gesinnten Engländern; ihre genauen Pläne, tatsächlich Sabotage gravierendster Art, kannte er womöglich nicht.

          Daniel Birnbaum: „Dr. B.“. Roman. Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein und Hedwig M. Binder. Piper Verlag, München 2021. 315 S., geb., 24,- Euro.
          Daniel Birnbaum: „Dr. B.“. Roman. Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein und Hedwig M. Binder. Piper Verlag, München 2021. 315 S., geb., 24,- Euro. : Bild: Piper Verlag

          Mit großartigem Geschick führt Daniel Birnbaum die unterschiedlichen Handlungsstränge zusammen: die subkutanen Verflechtungen von machtpolitischem Kalkül am Beginn des Weltkriegs und der hereinbrechenden Katastrophe für alle Kultur, damit für menschliche Haltung und Würde. Für den Immanuel Birnbaum des Buchs bedeutet das: Er gerät in den fatalen Zwiespalt zwischen schierer Lebenserhaltung und seinem Empfinden für Integrität. Denn aus dem Berliner Korrespondenzbüro wird ihm klargemacht, dass man Informationen aus dem Hintergrundwissen seines Berufs erwarte, sofern er weiter finanzielle Zuwendungen erhalten wolle, für den Unterhalt seiner kränkelnden Frau Lucia und der Söhne Karl Edward und Henrik. Ihm werden dafür ein Füllfederhalter und unsichtbare Tinte zugespielt; er schreibt mit der gelben Flüssigkeit zwischen die Zeilen eines harmlos wirkenden Briefs nach Berlin. Die Mitteilung wird im Februar 1940 von der schwedischen Postkontrolle abgefangen; die Engländer werden enttarnt. Immanuel Birnbaum wird festgenommen und als deutscher Spion für acht Monate inhaftiert; auch Bermann Fischer wird vorübergehend verhaftet.

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