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: Dame, Predigt, Mord, Spion

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An einem Junitag des Jahres 1995 wurden in der U-Bahn von Rom vier junge Männer ohne Fahrschein aufgegriffen. Auf der Polizeiwache nach ihrer Identität befragt, gaben alle vier denselben Namen an: Luther Blissett. So hatte Anfang der achtziger Jahre ein sprichwörtlich ("Luther miss it") erfolgloser englischer Stürmer des AC Mailand geheißen.

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          An einem Junitag des Jahres 1995 wurden in der U-Bahn von Rom vier junge Männer ohne Fahrschein aufgegriffen. Auf der Polizeiwache nach ihrer Identität befragt, gaben alle vier denselben Namen an: Luther Blissett. So hatte Anfang der achtziger Jahre ein sprichwörtlich ("Luther miss it") erfolgloser englischer Stürmer des AC Mailand geheißen. Der folgende Prozeß machte das Blissett-Kollektiv in ganz Italien bekannt. Weitere Aktionen folgten, vor allem in Form von lancierten Falschmeldungen. Mal war ein englischer Künstler, den es nie gab, spurlos im Friaul verschwunden, dann sollte angeblich ein Affenweibchen an der Kunstbiennale teilnehmen, oder eine erfundene HIV-positive Prostituierte gab über ihren mit löchrigen Präservativen geführten Rachefeldzug Auskunft.

          Als die Blissetts, aus denen inzwischen ein europaweites Internet-Projekt geworden war, 1997 eine gefälschte Skandalschrift über Pädophilie, Satanismus und Medienhysterie ("Laßt die Kinder spielen") herausbrachten, trat abermals der Staatsanwalt auf den Plan. Der Bologneser Gerichtsstreit um das falsche Dossier wurde zum Musterprozeß gegen die Computerkultur. Das System verlor; die Gruppe stellte ihren Text ins Netz, schließlich wurde die Anklage fallengelassen. Damit war zugleich der Höhepunkt des Blissett-Kults überschritten. Im Herbst 1999 verkündete das Kollektiv, "viele Subjektivitäten" der italienischen Sektionen des Projekts hätten beschlossen, das neue Jahrtausend durch rituellen Selbstmord zu begrüßen, um anschließend in neuer digitaler Form wiederzuerstehen. Kurz zuvor hatte der Verlag Einaudi den ersten und also einzigen Roman von Luther Blissett veröffentlicht, den historischen Thriller "Q", der zum Bestseller wurde. Bis heute sind in Italien fast zweihunderttausend Exemplare des Romans verkauft und eine unbekannte Zahl von "Q"-Dateien aus dem Internet heruntergeladen worden. Denn die Autoren Roberto Bui, Giovanni Cattabriga, Luca di Meo und Federico Guglielmi haben ihr Werk ausdrücklich für die digitale Weiterverbreitung freigegeben.

          "Q" ist ein Schlüsseltext. Das ist die Stärke und die entscheidende Schwäche des Buchs. Die Geschichte, in Briefen und Erlebnisberichten entfaltet, beginnt in den fünfziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts und blendet von dort aus zurück ins Jahr 1517, in dem Martin Luther seine fünfundneunzig Thesen gegen den Ablaßhandel der Kirche ans Portal der Wittenberger Schloßkirche schlägt. Zwischen den beiden Daten liegen die Schicksalsjahre der europäischen Reformation. Der Protagonist des Buches, ein Anonymus, der im Lauf der Erzählung den Kampfnamen Brunnengert annimmt, hat bei allen wesentlichen Ereignissen jener Zeit seine Hand im Spiel: beim Bauernkrieg von 1525, der mit der Niederlage Thomas Müntzers bei Frankenhausen endete, bei der Herrschaft der Wiedertäufer in der Stadt Münster 1534/35 und beim rasch wieder erstickten Aufflackern der italienischen Reformationsbewegung in den Jahren vor 1550. Zwischendurch reist er nach Nürnberg, Augsburg, Straßburg, Basel, Amsterdam und Antwerpen, und am Ende flieht er aus Venedig nach Konstantinopel - ein Curriculum der Ketzer- und Handelshauptstädte des Jahrhunderts.

          Bei solcher Fülle an Orten und Taten geht die Übersicht leicht verloren, aber die vier Autoren haben ihr Material klug organisiert: In zwei der drei Hauptteile des Romans ist, gleichsam als musikalische Gegenstimme, eine zweite Zeitebene eingelassen, in welcher der Held das Geschehen rückblickend beschwört; und im letzten Teil treten sich Brunnengert und sein katholischer Gegenspieler zunächst in Form parallel geschalteter Tagebücher, dann endlich leibhaftig gegenüber. Doch das Duell, das sich siebenhundertfünfzig Seiten lang angekündigt hat, findet nicht statt. "Ein jegliches hat seine Zeit", sagt der Prediger Salomo, und die Zeit dieses Kampfes ist lange vorbei.

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