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: Damals, im letzten Sommer

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Wenn drei Schwestern in der Literatur aufeinandertreffen, dann kann es schnell zum Mädchenkrieg kommen, wie Manfred Bieler es 1975 in seinem Roman über den Zweiten Weltkrieg vorgeführt hat. Drei Schwestern lassen dort unterschiedliche Lebensentwürfe und Sehnsüchte miteinander wetteifern wie schon in Tschechows berühmtem Drama aus der russischen Provinz.

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          Wenn drei Schwestern in der Literatur aufeinandertreffen, dann kann es schnell zum Mädchenkrieg kommen, wie Manfred Bieler es 1975 in seinem Roman über den Zweiten Weltkrieg vorgeführt hat. Drei Schwestern lassen dort unterschiedliche Lebensentwürfe und Sehnsüchte miteinander wetteifern wie schon in Tschechows berühmtem Drama aus der russischen Provinz. Bereits seit Shakespeares "König Lear" wissen wir aber auch von einer der möglichen Ursachen solcher Schwesternkriege: Es ist die Liebe zu einem großen und mächtigen Vater, wodurch sie zu Konkurrentinnen werden können.

          Die drei Schwestern in Linn Ullmanns jüngstem Roman haben ein wenig von all diesen Vorgängerinnen, und doch entwickeln sie sich freier und finden selbständiger ihre eigenen Wege. Immerhin sind Erika, Laura und Molly auch nur Halbschwestern, und das ist, wie die altkluge Erika erklärt, "ein bißchen wie Pseudokrupp", also nichts Echtes und deshalb wohl mit weniger existentieller Schwere behaftet.

          Die drei Mädchen, Töchter verschiedener Mütter, verbringen jedes Jahr die Sommerferien bei ihrem gemeinsamen Vater, dem Arzt Isak, der auf einer kleinen Insel vor der schwedischen Küste lebt. Wie ein biblischer Patriarch versammelt dieser dort seine Nachkommen, von denen es möglicherweise noch mehr gibt als die drei Schwestern; so vermuten es jedenfalls die Dorfbewohner, die den vitalen Mann ebenso bewundern wie fürchten. Für seine Töchter hat ihr Vater die Kraft einer unberechenbaren Naturgewalt, und daß er als Erfinder der gynäkologischen Ultraschalluntersuchungen berühmt geworden ist, verleiht ihm eine machtvolle Aura. Schließlich kann Isak in alle Frauen hineinsehen und kennt die Geheimnisse des werdenden Lebens, noch bevor es sich für andere bemerkbar macht.

          Linn Ullmann weiß, was es bedeutet, berühmte Eltern zu haben. Seit sie mit ihren ersten Romanen in Norwegen bekannt wurde, weisen die Kritiker gern darauf hin, daß sie als Tochter von Ingmar Bergman und Liv Ullmann einer der bekanntesten skandinavischen Künstlerfamilien entstammt. So interessant solche biographischen Details auch sind - und sie ließen sich noch vermehren, denn Linn Ullmann ist mit dem norwegischen Schriftsteller Niels Fredrik Dahl verheiratet, ihr Schwager ist der Bestseller-Autor Henning Mankell -, Rückschlüsse auf die Handlung oder Personenkonstellation ihrer Bücher lassen sich daraus nicht gewinnen.

          Schon in ihrem ersten Roman "Die Lügnerin" (1999) hatte Ullmann mit großem Erfindungsreichtum eine weibliche Biographie entworfen, die mit den Koordinaten ihres eigenen Lebens nur oberflächliche Berührungen hat. Der von der Kritik gelobte Roman "Gnade" (2004) erzählt von einem Ehepaar, das angesichts der unheilbaren Krankheit des Mannes vor der Frage steht, wer ein Recht hat, über die Grenzen des Lebens zu entscheiden.

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