https://www.faz.net/-gr3-8y597

Roman über die Wagners : Die verzaubernde Entzauberung der Liebe

Cosima Wagners Kinder 1872: von links Eva, Siegfried, Isolde, Daniela und Blandine Bild: Interfoto

Wie Richard Wagners Stieftochter in Sizilien ihr Glück finden will: Constanze Neumann bietet in „Der Himmel über Palermo“ noch viel mehr als das Psychogramm einer berühmten Sippe.

          4 Min.

          Man lasse sich nicht täuschen von Titel, Untertitel und Umschlagmotiv. Das, was so blumig daherkommt, zudem in einem Verlag, der eher für gefällig zu lesende als hochliterarische Bücher bekannt ist, gehört zu den schönsten deutschen Romanen dieses Frühjahrs. Das dürfte niemanden überraschen, der Constanze Neumann kennt, denn obwohl „Der Himmel über Palermo“ ihr Debütroman ist, hat die 1973 geborene Verfasserin längst einen guten Namen in der deutschen Verlagsszene: als frühere Lektorin unter anderem bei Piper, S.Fischer und Hoffmann und Campe, mittlerweile als freie Literaturagentin, als Übersetzerin aus dem Italienischen und 2005 auch schon als Buchautorin mit einer „Gebrauchsanweisung für Sizilien“. Mit der nähern wir uns ihrem jetzigen Roman an, denn schon dieser Reiseführer war mehr als eine bloße Handreichung für Reisende: Er war eine literarische Liebeserklärung an die italienische Insel, auf der Constanze Neumann drei Jahre lang gelebt hat, und zeugte von profunder Kenntnis ihrer Kulturgeschichte. Eines von deren interessantesten, gleichwohl weniger bekannten Kapiteln gibt nun den Stoff für den Roman „Der Himmel über Palermo“ ab.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Handlung erstreckt sich von November 1881 bis zum selben Monat sechzehn Jahre später, doch der Schwerpunkt des Geschehens liegt auf dem knappen ersten Halbjahr dieses Zeitraums, begrenzt durch die kirchlichen Feiertage Allerseelen und Ostern, beides wichtige sizilianische Feste. Dazwischen kommen noch Weihnachten und Karneval, so dass die Ereignisgeschichte rhythmisiert wird durch den Festtagskalender und dessen Verlockungen für das sizilianische Gesellschaftsleben in der kühlen Jahreszeit. Die in Palermo und Umgebung vergleichsweise wenig kühl ist, weshalb sich ein prominenter deutscher Besucher samt seiner Familie hier eingefunden hat und im luxuriösen Hotel Des Palmes logiert: Richard Wagner. Er wird dort die Komposition des „Parsifal“ beenden, seiner letzten Oper.

          Buchcover von Constanze Neumanns „Der Himmel über Palermo“
          Buchcover von Constanze Neumanns „Der Himmel über Palermo“ : Bild: Goldmann

          Eine Subtilität von Constanze Neumanns Roman besteht darin, dass er im Untertitel nicht den berühmten Namen Wagners nennt, sondern stattdessen den von Blandine von Bülow, einer der Stieftöchter des Komponisten. Bis überhaupt erstmals Wagners Name im Buch fällt, sind wir schon mittendrin in der Handlung, und der Komponist ist gemeinsam mit seiner Frau Cosima und den insgesamt fünf Kindern in Palermo gelandet – und vor allem haben wir auch bereits erzählt bekommen, wohin dieser sizilianische Aufenthalt geführt haben wird. Denn am Beginn des Romans verlässt Blandine von Bülow, mittlerweile verwitwete Gräfin Gravina, die Insel wieder, im Jahr 1897, nun mit ihren eigenen Kindern. Hinter ihr liegt eine gescheiterte Liebe zu Land und Leuten und zu einem Mann, dem verstorbenen Grafen. Über die Umstände dieser ambivalenten Liebesgeschichte ist die Nachwelt dank Blandines erhaltener Korrespondenz gut informiert, doch wer interessierte sich denn für die künstlerisch nicht weiter auffällig gewordene Stieftochter eines Genies? Nun, Constanze Neumann tut es, und ihr auf der Basis der Quellen gearbeiteter, aber trotzdem weit über diese hinaus fabulierter Roman rechtfertigt dieses Interesse aufs Vortrefflichste.

          Und das allein aus der Persönlichkeit der 1863 geborenen, beim Einsetzen der Handlung also achtzehnjährigen Tochter von Cosima und Hans von Bülow heraus. Darin liegt die größte literarische Leistung des Romans: dass er Richard Wagner, Cosima und Blandines Geschwister – eine weitere Tochter Hans von Bülows sowie die zwei Halbschwestern und der Halbbruder, die zur Welt kamen, als Cosima noch mit Bülow verheiratet, aber schon mit Wagner liiert war – gar nicht brauchte, um das Psychogramm einer mädchenhaften und deshalb gerade nicht märchenhaften Leidenschaft zu zeichnen. Aber natürlich nimmt man diese attraktive Familienstaffage gerne in Kauf: den überempfindlichen, egozentrischen Komponisten, die ganz für ihn lebende Gattin und die Kinderschar mit ihrem Wissen um die eigene Abstammung und deshalb auch um die Wankelmütigkeit von Wagners Gunst. Es gibt burleske Szenen und tragische, die aus dieser Konstellation entstehen. Doch die eindrucksvollsten entstehen aus dem Backfischblick der jungen Blandine auf die ihr fremde sizilianische Welt.

          Als Cicerone steht ihr eine weitere historische Persönlichkeit zur Seite: Enrico Ragusa, seines Zeichens Erbauer des Hotel Des Palmes. Seine geheimnisvolle Persönlichkeit stellt das scheinbar ungetrübte Glück in Palermo immer wieder von neuem in Frage. „Sizilien hat die Fröhlichkeit einer Welt ohne Winter“, sagt Blandine zu ihm, doch er antwortet: „Vielleicht ist es nicht unbedingt Fröhlichkeit, es ist ein Überschwang, der manchmal in die Übertreibung fällt und grotesk wird und dann auch erschrecken kann. Aber das merkt man erst später.“ In diesen zwei Sätzen steckt die ganze Motivation des Romans.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Er erzählt in eleganter, aber niemals überbordender Sprache von einer Desillusionierung, die ein ganzes Leben bestimmen wird, und dafür braucht er kaum mehr als die sechs Monate nach der Ankunft Blandines. Dann ist ihr Geschick besiegelt, und sie wird auf Sizilien bleiben, während der Rest der Familie zurückkehrt nach Deutschland, obwohl es auch Richard Wagner noch einmal nach Italien treiben wird, wo er im Februar 1883 in Venedig verstirbt. Seine Stieftochter aber muss im Süden weiterleben, fixiert in einer Ehe, die auf der kurzen Bezauberung jenes ersten sizilianischen Winters beruhte, als sie für sich die Möglichkeit erkannte auszubrechen und sie nutzte. „Der Himmel über Palermo“ ist insofern ein Emanzipationsroman, aber einer mit denkbar bitterer Botschaft.

          Denn niemand um sie herum interessiert sich wirklich für Blandine. Symptomatisch ist ein Tagebucheintrag von Tina, ihrer besten sizilianischen Freundin, die sich am Ostersamstag 1882 fragt: „Ob Blandine glücklich ist? Ist es richtig, dass dieses junge, süße, blonde Wesen aus dem Norden, das keine Ahnung von der Welt hat, an einen Mann gebunden wird, den sie doch kaum kennt und der nichts hat?“ Und mit lakonischer Grausamkeit schreibt Constanze Neumann eine Seite später im Roman: „Am Ostermontag hat Tina Blandine und ihr Schicksal vergessen.“ Wer aber dieses Buch gelesen hat, dem wird es keinesfalls so gehen.

          Weitere Themen

          Von der Namenlosigkeit

          Archipel Jugoslawien : Von der Namenlosigkeit

          In Jugoslawien war es selbstverständlich, mehrere Sprachen zu beherrschen. Was macht das mit den Menschen, die sich heute für eine Sprache entscheiden müssen?

          Das steinerne Floß

          Archipel Jugoslawien : Das steinerne Floß

          Was können Künstler bewirken? Wer sich nostalgisch nach dem alten Jugoslawien sehnt, darf nicht vergessen: Trotz aller Freiheiten war Titos Staat eine Diktatur.

          Topmeldungen

          Lässt Statistiken für sich sprechen: Premierminister Boris Johnson

          Londons stiller Triumph : Das Ende der Astra-Zeneca-Skepsis

          Die Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffs in Berlin und Paris haben in London Befremden hervorgerufen. Das Einschwenken beider Länder auf den britischen Impfkurs wird nun mit Genugtuung quittiert.
          Konzernzentrale und Stammwerk: der Daimler-Standort in Untertürkheim

          E-Auto statt Verbrennungsmotor : Daimler baut sein Stammwerk um

          400 Millionen Euro an Investitionen sollen Stuttgart-Untertürkheim ins Elektrozeitalter bringen. Statt Verbrenner-Großserie heißt es künftig: E-Auto-Campus und Batteriezellproduktion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.