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Roman über die Wagners : Die verzaubernde Entzauberung der Liebe

Und das allein aus der Persönlichkeit der 1863 geborenen, beim Einsetzen der Handlung also achtzehnjährigen Tochter von Cosima und Hans von Bülow heraus. Darin liegt die größte literarische Leistung des Romans: dass er Richard Wagner, Cosima und Blandines Geschwister – eine weitere Tochter Hans von Bülows sowie die zwei Halbschwestern und der Halbbruder, die zur Welt kamen, als Cosima noch mit Bülow verheiratet, aber schon mit Wagner liiert war – gar nicht brauchte, um das Psychogramm einer mädchenhaften und deshalb gerade nicht märchenhaften Leidenschaft zu zeichnen. Aber natürlich nimmt man diese attraktive Familienstaffage gerne in Kauf: den überempfindlichen, egozentrischen Komponisten, die ganz für ihn lebende Gattin und die Kinderschar mit ihrem Wissen um die eigene Abstammung und deshalb auch um die Wankelmütigkeit von Wagners Gunst. Es gibt burleske Szenen und tragische, die aus dieser Konstellation entstehen. Doch die eindrucksvollsten entstehen aus dem Backfischblick der jungen Blandine auf die ihr fremde sizilianische Welt.

Als Cicerone steht ihr eine weitere historische Persönlichkeit zur Seite: Enrico Ragusa, seines Zeichens Erbauer des Hotel Des Palmes. Seine geheimnisvolle Persönlichkeit stellt das scheinbar ungetrübte Glück in Palermo immer wieder von neuem in Frage. „Sizilien hat die Fröhlichkeit einer Welt ohne Winter“, sagt Blandine zu ihm, doch er antwortet: „Vielleicht ist es nicht unbedingt Fröhlichkeit, es ist ein Überschwang, der manchmal in die Übertreibung fällt und grotesk wird und dann auch erschrecken kann. Aber das merkt man erst später.“ In diesen zwei Sätzen steckt die ganze Motivation des Romans.

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Er erzählt in eleganter, aber niemals überbordender Sprache von einer Desillusionierung, die ein ganzes Leben bestimmen wird, und dafür braucht er kaum mehr als die sechs Monate nach der Ankunft Blandines. Dann ist ihr Geschick besiegelt, und sie wird auf Sizilien bleiben, während der Rest der Familie zurückkehrt nach Deutschland, obwohl es auch Richard Wagner noch einmal nach Italien treiben wird, wo er im Februar 1883 in Venedig verstirbt. Seine Stieftochter aber muss im Süden weiterleben, fixiert in einer Ehe, die auf der kurzen Bezauberung jenes ersten sizilianischen Winters beruhte, als sie für sich die Möglichkeit erkannte auszubrechen und sie nutzte. „Der Himmel über Palermo“ ist insofern ein Emanzipationsroman, aber einer mit denkbar bitterer Botschaft.

Denn niemand um sie herum interessiert sich wirklich für Blandine. Symptomatisch ist ein Tagebucheintrag von Tina, ihrer besten sizilianischen Freundin, die sich am Ostersamstag 1882 fragt: „Ob Blandine glücklich ist? Ist es richtig, dass dieses junge, süße, blonde Wesen aus dem Norden, das keine Ahnung von der Welt hat, an einen Mann gebunden wird, den sie doch kaum kennt und der nichts hat?“ Und mit lakonischer Grausamkeit schreibt Constanze Neumann eine Seite später im Roman: „Am Ostermontag hat Tina Blandine und ihr Schicksal vergessen.“ Wer aber dieses Buch gelesen hat, dem wird es keinesfalls so gehen.

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