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Roman von Colson Whitehead : Amerika spielt mit gezinkten Karten

Ruhe nach dem Sturm: eine Straße in Harlem am 21. Juli 1964, dem Morgen nach der Nacht, in der James Powells Tod Ausschreitungen provoziert hatte. Bild: Getty

Lebst du noch oder dealst du schon? In „Harlem Shuffle“ erzählt Colson Whitehead die Geschichte eines einfachen Mannes im New York der sechziger Jahre und zeichnet dabei ein Sittenbild Amerikas.

          5 Min.

          Dass im Paradies die Schlange wohnt, ist von der ersten Seite an ablesbar. Schlaglöcher machen Ray Carneys Touren auf dem erst wenige Jahre zuvor fertiggestellten West Side Highway zum Abenteuer. Ray, ein schwarzer Selfmademan aus Harlem, kämpft um sein Einrichtungsgeschäft. Zu vielen Kunden gestattet er den Kauf auf Raten, zu vielen säumigen Zahlern Verzug. Dass das Unternehmen ihn und seine kleine Familie nicht mehr trägt, ist offensichtlich. Er weiß es selbst. So zwingen die Umstände ihn zur Nebenbei-Hehlerei und zu Ausflügen an die Südspitze Manhattans, wo er die bei ihm gelandete heiße Ware in Umlauf bringt.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Colson Whiteheads neues Buch ist hinter der Fassade eines Romans über den Besitzer eines Möbelgeschäfts von Anfang an auch ein Roman über einen Gangster. Obwohl Ray das so nie sagen würde. Zwischenhändler ist er, Mittelsmann: „Er war eine Wand zwischen der kriminellen und der ehrlichen Welt, notwendig, weil er die Last trug.“

          Burlesker, schneller, böser

          „Harlem Shuffle“ heißt das Buch, das diese Woche noch vor dem englischsprachigen Original in deutscher Übersetzung erscheint und von Rays erzwungener Bewegung in eine ungewollte Richtung erzählt, die er als erprobter Verkäufer schöner Dinge elegant auffängt. All das ist, obwohl der Name des Buchs nach Angaben des Autors lediglich auf einem alten Song beruht, auf eine für die durch und durch dichterische Wortkunst dieses Erzählers sehr bezeichnende Weise bereits in der zweiten Hälfte des Titels enthalten. Shuffle, das ist das Hin und Her, das trickreiche Ausweichen, ein Tanzschritt und das Mischen von Karten. Mühe, Leichtigkeit, Glück und Zufall, die der Name des Buchs andeutet, regieren das gesamte Werk, das mit Rays Traum vom erfolgreichen Harlemer Unternehmertum beginnt, vom Etwas-aus-sich-Machen, vom „Aufmöbeln“, aber auf kaputte Häuser und Straßen zusteuert.

          Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“. Roman.
          Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“. Roman. : Bild: Hanser Verlag

          Seit Whiteheads erstem Pulitzerpreis (für „Underground Railroad“) warten Kritiker und Leser mit Spannung auf neue Romane des 1969 in New York geborenen Autors. Seit dem zweiten für „Die Nickel Boys“ erst recht. Was wird er als Nächstes machen? Und wie? „Harlem Shuffle“ ist intimer, burlesker, schneller, böser, auch humorvoller als die Vorgängerromane und belegt einmal mehr, dass dieser Autor aus jedem Werk etwas Neues machen will, obwohl er sich zur Erzeugung seiner dichten Gewebe aus kurzen Szenen, langen Bögen und mit wenigen Strichen scharf umrissenen Figuren auch hier auf Wiederholungen, Korrespondenzen, Entsprechungen verlässt, auf die nichtzeitliche, nicht ursächlich verbundene Verknüpfung weit voneinander entfernter Textmomente.

          Der friedlichere Raum ist eine Täuschung

          Über Stoff und erzählerische Verfahren herrscht Whitehead ebenso souverän wie Ray über seinen Laden. Architektur und Inneneinrichtung des Romans stammen von einer meisterlichen Hand, die alles so lange hin und her schiebt, bis es ins richtige Licht gerückt ist und auf das junge schwarze Paar, das ein Kind erwartet, den gegen Ray ermittelnden weißen Cop oder die Käufer von „Harlem Shuffle“ den bestmöglichen Eindruck macht. Whitehead, der eine weitere halb vergessene, halb verdrängte Episode schwarzer Geschichte in den Kanon der zeitgenössischen amerikanischen Literatur einschreibt, ist Mittelsmann wie Ray, ist Vergangenheits­zwischenhändler für die Geschichtskonsumenten der Gegenwart, Arrangeur einstiger und gegenwärtiger Wirklichkeit im Showroom der Kunst.

          Diesmal aber, so scheint es zumindest, geht es neben der einen oder anderen kleinen Gaunerei doch eigentlich nur um Zimmer, Wohnungen, Häuser. Nicht um Sklavenstaaten und eine real existierende Untergrundbahn in die Freiheit oder um Schlafsäle und Gräber in einem Fürsorgesystem aus Zwang und Vernachlässigung. Für die erwachsenen Bewohner des Harlems der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts steht weniger auf dem Spiel als für die Sklaven der Zeit vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs oder für Kinder, die hilflos dem Missbrauch durch erwachsene Autoritätspersonen ausgesetzt sind. Stattdessen geht es um Sitzgarnituren, schonende Plastikbezüge und Musik­truhen, die der Fortschritt der Unterhaltungselektronik zu Ladenhütern gemacht hat.

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