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Colson Whiteheads neuer Roman : Das Gesetz des Weißen Hauses

Erschreckender Fund: Forscher gruben auf dem Gelände der Dozier School for Boys die sterblichen Überreste von 55 Kindern aus. Bild: AP

Vergraben und verschwiegen: Colson Whiteheads neuer Roman „Die Nickel Boys“ erzählt nach wahren Begebenheiten von der systematischen Misshandlung in einer Besserungsanstalt.

          Unter den Jungs im Nickel hieß es, die Besserungsanstalt unweit der Sümpfe Floridas werde so genannt, weil ihr Leben dem Staat nicht einmal einen Nickel wert sei, also fünf Cent. Aber das stimmt nicht. Die Industrial School for Boys wurde 1949 nach ihrem damaligen Leiter Trevor Nickel umbenannt, der sich nach außen als reformfreudiger Pädagoge gab und von Stadt und Land vielfach geehrt wurde für sein Engagement, auffällig gewordene Jugendliche körperlich, geistig und moralisch zu ertüchtigen. Tatsächlich aber gingen diese, Nickel und seinen Nachfolgern anvertrauten Jugendlichen durch die Hölle.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist kaum zu glauben, dass niemand davon etwas wissen wollte, obwohl es Zeugen gab für die Verbrechen, Überlebende, die sich an die Öffentlichkeit gewandt hatten. Aber selbst der sechzehnjährige Elwood, der aufgrund eines Justizirrtums im Nickel landet, meint zunächst, es hier womöglich gar nicht so schlecht getroffen zu haben wie zunächst befürchtet. Elwood hatte hohe Steinmauern erwartet und Stacheldraht, stattdessen blickt er auf ein weitläufiges Gelände ohne Zäune, mit gepflegten Anstaltsgebäuden aus roten Ziegeln und üppigen Gärten.

          Unschuldig verhaftet

          Dass er nie zuvor ein so hübsches Anwesen gesehen hat, denkt er da, und weil er gehört hat, dass es hier auch eine Schule geben soll, ist er fast schon hoffnungsvoll – ganz ähnlich verkennt zunächst auch der Protagonist Wolfgang im deutschen Film „Freistatt“, der ebenfalls in den sechziger Jahren und vor dem Hintergrund eines authentischen Falles spielt, in welch grässliche Verhältnisse er mit dem Eintritt in ein Erziehungsheim gelangt ist. Elwoods neue Heimat jedenfalls sieht auf den ersten Blick fast wie das Melvin Griggs Technical aus, das College, an dem er mit einem Stipendium ausgestattet jetzt eigentlich studieren würde, wäre er nicht beim Trampen ahnungslos in den Wagen eines Autodiebes gestiegen und bei einer Kontrolle von der Polizei trotz seiner Unschuld mitverhaftet worden? Dass ihn im Nickel dann anderes erwartet als ein fröhliches Campus-Leben, das wird dem Jungen nur wenige Tage nach seiner Ankunft aufs schmerzvollste beigebracht.

          Colson Whitehead

          In seinem neuen Roman „Die Nickel Boys“ erzählt der amerikanische Schriftsteller Colson Whitehead fiktionalisiert, aber eng an den Tatsachen entlang von jahrzehntelang begangenen und beschwiegenen Verbrechen, die erst 2014 entdeckt und öffentlich gemacht wurden. Immobilienentwickler hatten damals auf einem Feld unweit der inzwischen geschlossenen Anstalt ein neues Büroviertel geplant, mit Lunch-Plaza, Wasserspielen und Musikpavillon, als die Erde dort einen grausigen Fund preisgab: Dutzende im Boden verscharrte Leichen.

          Entdeckt hatten dies Archäologiestudenten von der Universität Tampa, die gerade dabei waren den Anstaltfriedhof des Nickel zu exhumieren. Als bekannt wurde, dass jenseits der offiziellen Grabstätte eine weitere, geheime Grube existierte, war schließlich nicht mehr zu verleugnen, was Überlebende seit Jahren berichtet hatten, ohne gehört zu werden: Das Nickel war eine Folteranstalt. Die in der Grube geborgenen Leichname wiesen Knochenbrüche, eingeschlagene Schädel und Brustkörbe voller Schrotkugeln auf. Die Toten waren heimlich vergraben worden, ohne Kreuze und ohne die Angehörigen zu informieren.

          Macht, Scham und Ohnmacht

          Colson Whitehead, der für seinen letzten Roman „Underground Railroad“ über die amerikanische Sklaverei mit dem Pulitzer Prize wie auch mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, hat seinen neuen Roman als Triptychon gebaut, dessen dunkles Thema staatlicher Missbrauch von Schutzbefohlenen ist.

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