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Colson Whiteheads neuer Roman : Das Gesetz des Weißen Hauses

Anders als in früheren Büchern wie dem Zombie-Roman „Zone One“ oder „Underground Railroad“, in denen er die klassische Erzählung zugunsten einer rasanten Phantastik verlassen hat, bleibt Whitehead hier ganz dem Realismus verhaftet, was dazu führt, dass je nüchterner der Erzähler von den Begebenheiten berichtet, die Wirkung nur umso unerträglicher ist. Analytisch präzise zeigt der Roman auf, wie fatal Macht, Scham und Ohnmacht ineinander wirken. Im ersten Kapitel lernen wir Elwood kennen, der in den sechziger Jahren bei seiner Großmutter im farbigen Viertel von Tallahassee, Frenchtown, aufwächst, nachdem seine Eltern sich nach Kalifornien davongemacht haben. Elwood ist trotzdem ein fröhliches Kind, zudem ein aufgeweckter Schüler und eifriger Zeitungsleser, der die Rassenunruhen mit bebendem Herzen verfolgt. Ob es ihm und seinesgleichen dereinst erlaubt sein wird, den Fun Town zu besuchen, jenen Vergnügungspark, der nur Weißen vorbehalten ist? Ob er womöglich einmal studieren darf, oder auch nur sich in ein Restaurant seiner Wahl zu setzen, oder in einen Bus? Martin Luther King ist sein großes Vorbild, aber auch sein Lehrer an der High School, der sich als Bürgerrechtler engagiert. Die Proteste im ganzen Land lassen eine Zukunft am Horizont erscheinen, die Elwood mit Gerechtigkeit und Gleichheit verbindet.

Colson Whitehead: „Die Nickel Boys“. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Carl Hanser Verlag, München 2019. 224 S., geb., 23,– Euro.

Seine Einweisung ins Nickel setzt dem ein jähes Ende. Das zweite Kapitel schildert schonungslos und detailliert, wie ein junges, hoffnungsvolles Leben systematisch zerstört wird. Die Folterkammer im Nickel ist das abseits gelegene Weiße Haus. Hier wird das Gesetz vollstreckt, nachts, heimlich und ohne Zeugen. Wer sich nach Ansicht der Heimleitung eines Fehlverhaltens schuldig gemacht hat wie Elwood, als er einen Streit schlichten wollte, wird nachts aus dem Schlaf gerissen und ins Weiße Haus abgeführt. Dort wartet Black Beauty, der meterlange Riemen, der eingeritzt ist, damit es noch mehr weh tut. Während der Auspeitschung lassen die Schergen einen großen Ventilator laufen, der die Schreie und Hilferufe ihrer minderjährigen Opfer überdröhnt. Fast jede Nacht rotiert die Windmaschine.

Nach außen hin präsentiert sich das Nickel als Anstalt, deren moderne „Philosophie“ es sei, die Jungen zu Verantwortung zu erziehen. Die körperliche Arbeit etwa in der Ziegelei solle sie charakterlich festigen und die Schule auf ihr Leben in Freiheit vorbereiten. Nichts davon findet statt. Der Unterricht existiert nur auf dem Papier, und die Jugendlichen sind deshalb verschmutzt und unterernährt, weil die Wärter die staatlichen Essenszuwendungen, die Kleider und alle Ausrüstung auf dem Schwarzmarkt verhökern. Dass viele der Angestellten im Nickel nachts ihre Ku-Klux-Klan-Hauben überstreifen, macht es für die schwarzen Jungs tagsüber noch schwerer. So anschaulich wie drastisch führt Whitehead vor allem die Unterdrückungsmechanismen vor, die verlässlich greifen: Sie fußen auf Grausamkeit, Willkür und Unvorhersehbarkeit.

Im Schlusskapitel begegnen wir Elwood als erwachsenen Mann in New York wieder. Mit seiner Ehefrau und einer eigenen Umzugsfirma hat er sich eine bürgerliche Existenz aufgebaut. Doch niemand weiß, dass er im Nickel war – und noch ein weiteres, überraschendes Geheimnis wird zuletzt offenbart. Das Nickel aber, so viel ist klar, wird Elwood bis zum letzten Atemzug im Nacken sitzen. „Er hatte die Anstalt vor zig Jahren verlassen“, heißt es im Text, „aber bis heute verbringt er täglich Zeit damit, die Sitten normaler Menschen zu dechiffrieren. Jener Leute, die eine glückliche Kindheit gehabt, drei Mahlzeiten pro Tag und einen Gutenachkuss bekommen hatten. Jene, die nichts von Weißen Häusern und weißen Country-Richtern ahnten.“ Darin liegt die Ursünde des Nickel: Dass die Jugendlichen, die alles Denkbare aus sich hätten machen können, die Arzt, Farmer oder Präsident hätten werden können, im Nickel ruiniert worden sind. Ihre Zukunft wurde ihnen genommen. Und was ihnen geblieben ist, das ist der Schrecken des täglichen Aufwachens.

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