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Colson Whitehead: Der letzte Sommer auf Long Island : Erhellende Nuancen für eine Gesellschaft in Schwarzweiß

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Bild: Verlag

Wenn Normalität Fortschritt bedeutet: Colson Whitehead erzählt von schwarzen Mittelschichtkindern im Amerika der achtziger Jahre zwischen Rassismus und Anerkennung.

          Dass sich Rassismus oft unmerklich in der Sprache manifestiert, ist offensichtlich. Vieles davon ist schlicht dumm oder ursprünglich gar nicht so gemeint gewesen, manches ist herabwürdigend, da es negativ auf die Hautfarbe derer abzielt, die in der Minderheit sind. Kinder spielen „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ und Schwarzer Peter, sie „schwärzen“ einander beim Lehrer an und pressen in der großen Pause „Negerküsse“ zwischen zwei Brötchenhälften. Schwarz ist die Farbe des Todes und der Trauer, der faschistischen Schwarzhemden, aber auch der CDU, die eine ihrer schwärzesten Stunden erlebte, als schwarze Kassen aufflogen, in denen Schwarzgeld gebunkert wurde. Der Schwarzmarkt, das Schwarzfahren, das schwarze Schaf der Familie und die Schwarzarbeit - was schwarz ist, so lautet das Vorurteil, ist verboten, anrüchig, illegal.

          In Colson Whiteheads neuem Roman geht es darum, was es heißt, schwarz zu sein. Genauer gesagt, welchen Unterschied es macht, als Jugendlicher der schwarzen Mittelschicht im Amerika der achtziger Jahre aufzuwachsen. Gibt es überhaupt noch einen Unterschied zur Adoleszenz der Weißen, zum pubertären Gehabe der Halbstarken, die ohne finanzielle Sorgen das Erwachsenwerden hinauszögern? Offenbar nicht. Benji Cooper, Protagonist und Ich-Erzähler des Romans „Der letzte Sommer auf Long Island“, hört weder Soul noch Hiphop; er schwört stattdessen auf Depeche Mode, die Smiths und Bauhaus. Er liebt Horrorfilme von George Romero, vertreibt sich die Zeit mit Fantasy-Rollenspielen und trägt Zahnspange. Er ist beinahe so „angeweißt“ wie seine ältere Schwester, die der jährlichen Sommerfrische in der Feriensiedlung von Sag Harbor entflohen ist.

          Wie weiß darf ein Schwarzer sein?

          Dorthin fahren die wohlsituierten Schwarzen aus New York, deren Kinder Privatschulen in Manhattan besuchen. Hier ist man unter sich, in einem Paralleluniversum, säuberlich getrennt von den Stränden der Weißen. Benjis Eltern haben es geschafft, den Unterdrückungsmechanismen der amerikanischen Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Sie haben hart gearbeitet, sind die Karriereleiter hochgestiegen. Ihre Kinder gelten jedoch als Inbegriff eines Paradoxons: „schwarze Jungs mit Strandhäusern“. Die schlechten alten Zeiten haben sie dennoch nicht vergessen, als ein schwarzes Gesicht, das im Fernsehen auftauchte, als Sensation galt, als man einen rassistischen Spruch nicht mit Schulterzucken abtat, sondern mit Fäusten beantwortete. Das hat Benjis Vater ihm und seinem kleinen Bruder eingetrichtert.

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