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Roman über Thomas Mann : Die Erdbeeren bitte gründlich waschen

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Offenbart eine eigentümliche Sicht auf Thomas Mann: Colm Tóibín Bild: Picture-Alliance

Wie hat Thomas Mann gelebt, gefühlt, geträumt? Der irische Schriftsteller Colm Tóibín weiß alles und inszeniert es in seinem Roman „Der Zauberer“ in bruchloser Illusion. Aber ist das literarische Freiheit oder übergriffige Indiskretion?

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          Er habe gelacht, aber unter seinem Niveau – zu einem solchen literarischen Urteil, waghalsig balancierend zwischen unverhohlenem Eigenlob und feiner Selbstironie, war nur Marcel Reich-Ranicki in der Lage. Wichtiger aber ist das Lektürephänomen, das er mit seinem witzigen Aperçu auf den Punkt brachte: nämlich das, sich von einem Buch unterhalten zu lassen, obwohl man sich völlig im Klaren darüber ist, dass eigentlich alles daran dagegen spricht. Genauso mag es einem bei der Lektüre des neuen, am Montag erscheinenden Romans von Colm Tóibín ergehen, der auf über 500 Seiten die Lebensgeschichte Thomas Manns erzählt, in all its completeness, von den Anfängen in Lübeck und München über die Exiljahre in Princeton und Pacific Palisades bis zu den letzten Tagen im schweizerischen Kilchberg.

          Der erste Eindruck: Auf so eine Idee kann nur ein Ire, jedenfalls ein mit dem hiesigen Buchmarkt nicht allzu vertrauter Schriftsteller kommen. Und tatsächlich richtet sich Tóibín zunächst an eine anglophone, sicher auch internationale Leserschaft, die vom Zerfall der hanseatischen Bürgerwelt, dem erbitterten Bruderstreit zwischen Thomas und Heinrich, dem publizistischen Kampf gegen Hitler meist wohl nur Sporadisches weiß. Hierzulande scheint der Markt hingegen so übersättigt mit Biographien und Bildbänden über Thomas Mann und die Seinen, dass man seine Lesezeit besser zubringen kann als mit dem „Zauberer“, vorzugsweise mit dessen späten Erzählungen, die jüngst im Rahmen der „großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ der Werke Thomas Manns in einer genialen Neu­edition erschienen sind.

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          Und wo gerade die Rede von modernem Erzählen ist: Es verblüfft schon sehr, wie bruchlos, wie frei von jeder Infragestellung Tóibín das Leben Thomas Manns ins literarische Werk setzt. Wo etwa Heinrich Breloer in seinem vielgesehenen Fernsehdreiteiler „Die Manns“ beständig hin und her wechselt zwischen Zeitzeugen-Interviews, historischen Aufnahmen und nachgestellten biographischen Szenen, um so das Bewusstsein für den Konstruktionscharakter seiner Annäherung wachzuhalten, entfaltet „Der Zauberer“ eine makellose Illusion, die vorgibt, Thomas Mann hätte so und nicht anders gelebt, gedacht, gefühlt, ja sogar geträumt. Auf diesem Wege, und verstärkt noch durch einen persönlichen, immer wieder intimen Erzählton, schiebt Tóibín seinen Lesern eine psychologische Gesamtinterpretation unter: Im Zweifelsfall steht für ihn hinter allem Denken, Handeln und Schreiben Thomas Manns dessen sorgsam verborgene Homosexualität – ein Konflikt, den er bereits in seinem Roman über den späten Henry James, „The Master“ betitelt, ähnlich in den Mittelpunkt gestellt hat.

          Colm Tóibín: „Der Zauberer“. Roman.
          Colm Tóibín: „Der Zauberer“. Roman. : Bild: Hanser Verlag

          Dabei geht Tóibín bisweilen so weit, die Leerstellen der biographischen Überlieferung kurzerhand durch seine Imagination zu füllen. Konkret geschieht dies im Falle der frühen Tagebücher, die Thomas Mann vor dem Gang ins Schweizer Exil in München zurücklassen musste, bangend, dass die Nazis sie in die Hände bekommen würden, denn so wäre deutlich geworden, „wer er wirklich war und wovon er träumte . . ., dass sein distanzierter gelehrter Ton, seine steife Förmlichkeit, sein Interesse an Ehrungen und Hofiertwerden lediglich Masken waren, die niedere sexuelle Begierden unkenntlich machen sollten“. Bis in einzelne Details hinein schildert Tóibín, was in den Journalen an Skanda­lösem vermeintlich zu lesen war: „Es musste ein paar weitere Einträge geben, in denen er von Klaus’ Körper sprach oder davon, wie sehr ihn der Anblick von Klaus in seinem Bade­anzug erregte.“ Ist das noch literarische Freiheit, begründetes Dazuerfinden oder schon übergriffige Indiskretion?

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