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Clemens Meyer: Rückkehr in die Nacht : Die Nacht, das Gelichter

Bild: Connewitzer Verlagsbuchhandlung

„Im Stein“ hat einen kleinen Bruder: Mit „Rückkehr in die Nacht“ bleibt Clemens Meyer sich und seinen Sujets treu. Die stimmungsvoll illustrierte Erzählung zeigt den Leipziger einmal mehr in Bestform.

          2 Min.

          Mit seinem neuen Roman „Im Stein“ hat Clemens Meyer ein Montagekunstwerk geschaffen, das ein zwanzig Jahre umfassendes Panorama der Nachtseite unserer Gesellschaft entfaltet. Doch geschrieben wurde „Im Stein“ tagsüber, während nachts eine Erzählung entstand, die nun auch zu lesen ist - Resultat von vier Jahren Arbeit an einem nicht einmal dreißig Seiten langen Text, der den Titel „Rückkehr in die Nacht“ trägt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Gleichzeitigkeit des Erscheinens von Roman und Erzählung ist Zufall. Meyer hatte Peter Hinke ein kleines Prosastück versprochen, weil dessen Connewitzer Verlagsbuchhandlung immer wieder schöne kleine Bücher herausbringt, oft illustriert von einem der vielen Talente, die die Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst hervorbringt. Für die Bebilderung von Meyers Erzählung gewann Hinke den 1980 geborenen Phillip Janta, der sich im Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ mit einer schönen Cartoonserie hervorgetan hatte. Autor und Illustrator kannten sich nicht, doch dass Jantas nachtschwarze Bilder perfekt zu Meyers Prosa passen würde, war Hinke klar.

          Ein Flirren in der Dunkelheit

          Doch Meyer ließ sich Zeit, vier Jahre eben. In diesem Zeitraum erreichten immer wieder neue Versionen der Erzählung die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, abgeschickt von Schreibplätzen überall auf der Welt, bis hin nach New York, wohin es Meyer durch ein Stipendium verschlagen hatte, und stets betonte der Schriftsteller, dass er nur nachts an diesem Text arbeite. Und so spielt die Erzählung denn auch nur während einer Nacht.

          Der Ich-Erzähler sucht Zuflucht in einem neben dem Bahndamm an einer verwilderten Industriebrache aufgebockten Segelschiff, wo er einen älteren Mann wiedertrifft, mit dem ihn vor Jahren eine Zweckfreundschaft verband. Frank heißt dieser Mann, und er arbeitete früher als Automechaniker, doch seine wahre Liebe gehörte den Schiffen und dem Meer. Zu mehr als dem hier am Rand der Stadt abgestellten Boot hat er es aber nicht gebracht.

          Die Stadt ist Leipzig, wie immer bei Clemens Meyer. Doch auch hier wird sie nicht beim Namen genannt. Man erkennt die Industrieruinen von Anger-Crottendorf und die nie ans Binnenschifffahrtsnetz angeschlossenen Hafenanlagen von Lindenau. Aber sie sind keine konkreten Orte, sondern Metaphern für die gescheiterten Lebensentwürfe der Protagonisten. Im Laufe der Begegnung mit Frank wird klar, was den Ich-Erzähler hierhergebracht hat: der Tod einer Frau und die Rache dafür. Im ständigen Wechsel der Zeitebenen wird die Geschichte rekonstruiert - wie es auch bei „Im Stein“ geschieht.

          Doch das kleine Geschwister des großen Romans erweist sich als ein Muster von Erzählökonomie, während „Im Stein“ sich bewusst maßlos gibt, eine Vielzahl von Stimmen kombiniert, wo „Rückkehr in die Nacht“ nur eine Perspektive aufweist, die allerdings vielfach zersplittert ist. Und wie Meyer daraus ein Mosaikbild zusammensetzt, so unternimmt auch Phillip Janta in seinen doppelseitigen Schwarzweißillustrationen eine Rekonstruktion, indem er das Terrain der Erzählung ausmisst und wie im Überflug die Topographie des Geschehens rund um das gestrandete Schiff vorführt, eine Besichtigungstour, die auf eigene Weise das Geschehen verdeutlicht - meisterlich. Wie das ganze kleine querformatige wunderschöne Buch.

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