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Clemens Meyer: Gewalten : Overdose jagt die Goldene Peitsche

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Da draußen ist Krieg: In seinen neuen Geschichten setzt Clemens Meyer alles auf Sieg und nimmt es noch mit dem stärksten Gegner auf.

          Der Schriftsteller Clemens Meyer ist eine imposante Erscheinung. Mit seiner kräftigen Gestalt, seinen Tattoos, einem grobschlächtigen Habitus und einer kräftigen, in Fankurven trainierten Stimme mit breitem Sächsisch wirkt Meyer im deutschen Literaturbetrieb immer etwas wie ein Hooligan, der sich in die VIP-Loge verirrt hat. Während die domestizierten Zuschauer sich dort bei Häppchen und Prosecco über besonders gelungene Spielzüge und feine Technik auslassen, bringt Meyer eigenes Dosenbier und einen Flachmann mit und zeigt uns halb schockierten, halb faszinierten Edelfedern, worum es wirklich geht: Es ist Krieg. Chemie gegen Lok. Alle gegen die Bullen. Schnaps gegen den Durst. „Wir haben euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass.“

          Auch der Leser von Clemens Meyers neuem Buch „Gewalten“ sollte sich erst einmal als Gegner begreifen und entsprechend wappnen. Was in diesen Geschichten – und um nichts anderes handelt es sich, dem irreführenden Untertitel „Ein Tagebuch“ zum Trotz – auf ihn einprasselt, ist mehr und Härteres, als die wohltemperierte deutschsprachige Belletristik sonst so bietet. Der Ich-Erzähler der ersten, der Titelgeschichte liefert einen Live-Bericht aus der Psychiatrie, wo er ans Bett gefesselt, „fixiert“ ist und versucht, sich die Vorgeschichte ins Gedächtnis zu rufen: eine aus dem Ruder gelaufene, also ganz normale Nacht mit Saufkumpeln in der Leipziger Absackerbar „Brick’s“, die mit einem Einbruchsversuch in die Nikolaikirche endete: „Pfarrer Führer, Pfarrer Führer, komm raus!“ Nun liegt der vermeintlich selbstmordgefährdete Randalierer selbst wie ein Gekreuzigter mit ausgebreiteten Armen da und kämpft einen zähen Kampf – gegen das Bettgestell, gegen die Pfleger, gegen die eigene Ohnmacht: „Ich bin noch da, ihr Schweine“, lautet das Resumé, das nicht zu viel verspricht.

          Der Mythos vom Boxerherz

          Wer nichts übrig hat für den virilen Mythos vom Boxerherz, das sich nicht unterkriegen lässt, für Stories vom Einstecken, ohne aufzustecken, für Kämpfer, die, in die Ecke getrieben, mit dem Kopf durch die Wand wollen, der wird auch Meyers neuem, elf Runden währendem Ringen mit heiklem Stoff wenig abgewinnen können. Doch schon der Versuch sollte Respekt abnötigen. Denn welcher andere deutschsprachige Autor würde sich nacheinander folgende Themen vornehmen, um nur die Texte Nummer zwei bis fünf zu betrachten: Abu Ghraib und Guantánamo, den Amoklauf von Winnenden, den Tod eines Jugendfreundes im Hospiz und die Ermordung der achtjährigen Michelle in Anger-Crottendorf (jenem Leipziger Stadtteil, in dem Meyer lebt)? Clemens Meyer schlägt sich nicht mit Schwächeren, er will es wirklich wissen.

          Hinzu kommt, dass er sich durch die „Tagebuch“-Form zusätzlich unter Druck setzt. Die einzelnen Stücke dieses Buches sind durch einen autobiographischen Bogen miteinander verbunden. Suggeriert wird, dass Entstehungszeit und erzählte Zeit zusammenfallen und die einzelnen Stücke jeweils eine ausfabulierte Episode aus Meyers Jahreskalender sind. Die Psychiatrie-Geschichte etwa trug sich am 30. Dezember 2008 zu; Winnenden war im März 2009; im August fand der aufsehenerregende Prozess gegen Michelles Mörder, einen achtzehnjährigen Nachbarn, statt. Doch gerade diese chronologische Ordnung bleibt den einzelnen Texten gegenüber äußerlich, die – der Unmittelbarkeit des diaristischen Prinzips genau widersprechend – auf ganz unterschiedliche Weise literarisiert sind und das auch mal mehr, mal weniger offenlegen.

          Text und Folter

          Für die Guantánamo-Story „Im Bernstein“ etwa konstruiert Meyer eine Rahmenerzählung um einen Informanten, der ihm dokumentarisches Material für ein Filmscript über einen unschuldig Inhaftierten zur Verfügung stellt. Geschildert ein mysteriöses Treffen im Leipziger Hauptbahnhof, bei dem Lieblingsfilme diskutiert werden, bevor der Drehbuchautor dann in einem fiebrigen, rauschhaften Bewusstseinsstrom seine zunehmende Identifikation mit dem Folteropfer quasi in Echtzeit beschreibt: „Und dann habe ich es, während ich die Wände meiner Wohnung weiter mit Fotos und Protokollen tapeziere, BEIM STEHEN MUSSTE ICH EINE WINDEL TRAGEN; die absolute Auflösung, der totale Wahnsinn, Raum und Zeit existieren nicht mehr, fünf Jahre. Coppola sagt über Apocalypse Now, und mit diesem O-Ton aus einem Radio-Interview beschalle ich in Endlosschleife mich und meinen Schreibtisch: ,My film is not a movie. My film is not about Vietnam. My film is Vietnam.‘“ Also wäre das keine Geschichte über Folter, sondern ein Text, der selbst Folter ist? Meyer ist klug genug, diese Folgerung zu ironisch zu brechen, denn er erzählt von einem künstlerischen Scheitern: „Und blutigschmutzige Verbände um die Stümpfe. Ziemlich gelb geeitert auch. Was soll man machen, Farbfilm.“

          Viel reißfester sind die einzelnen Stücke thematisch verschnürt: Gewalt, ob als offene Feldschlacht rivalisierender Fangruppen oder als Klammergriff der Sucht, ist dabei ebenso Ausweis von Lebenskraft wie sinnloses Walten des Schicksals. Der Gegenbegriff ist eine höhere Ordnung, die sich nur in Chiffren offenbart. Immer wieder wird die merkwürdige Zahlenmystik des Glücksspiels angerufen. Pferderennen und Wettbüros, auch der Roulettetisch werden zu Orten der Offenbarung eines verborgenen Sinns. Ein Siegerpferd heißt „Overdose“, die Goldene Peitsche, die es einst gewann, ist ein starkes Bild für das Selbstquälerische einer zur Obsession gewordenen Suche nach Erlösung.

          Der Nebenjob kippt ins Unheimliche

          Systematisch legt Meyer eine Ebene des Phantastischen und Albtraumhaften unter seine harten Berichte aus der (ost-)deutschen Wirklichkeit. Dann kippt plötzlich der Nebenjob im Bahnreinigungswerk ins Unheimliche; der Blick auf den gotischen Dom streift die gothic novel. Auf Hesses Magisches Theater aus dem „Steppenwolf“ wird ebenso angespielt wie auf die sorbische Sage vom Müllermeister und Schwarzen Magier Krabat; eine Bahnhofskneipe wird zur Schleuse ins Totenreich.

          Doch wozu diese dauernde Rückversicherung bei literarischen oder auch filmischen Traditionen? Ein bisschen wirkt das wie der Ego Shooter, der sich per Geheimcode zusätzliche Munition besorgt. Nicht die Suggestion des Hyperauthentischen, die stilistische Kraftmeyerei in atemloser Parataxe ist in den schwächeren Geschichten problematisch, sondern die Überhöhung von Alltagserlebnissen des fahrenden Künstlers. Wenn Meyer also der Kraft des Selbsterlebten allein nicht mehr traut. Dann wabert es plötzlich schicksalhaft auf einem Rummelplatz in Bielefeld oder in einem Puff bei Magdeburg oder bei einer Kanufahrt des Grauens über Leipziger Flüsschen. Als Botschaft bleibt da nur, dass sich Arachnophobiker besser nicht ins Unterholz wagen sollten.

          Kampf gegen die Einbruchsicherung

          Am besten ist Meyer, wenn er ganz ins Wahnhafte geht und etwa in „Undercover und der Kopf“ einen paranoiden Wiedergänger von Scorseses „Taxi Driver“ Travis Bickle auf eine Berliner Geisterbahnfahrt schickt. Oder umgekehrt ein scheinbar beiläufiges Erlebnis in penibler Nahaufnahme und ganz ohne Holzhammersymbolik festhält. So im Schlussstück „Draußen vor der Tür“, das erzählt, wie er sich einmal mit seinem geliebten, bereits todkranken Hund mitten in der Nacht aus der eigenen Wohnung aussperrte. Wie Meyer hier bis zur Erschöpfung gegen die eigene Einbruchssicherung kämpft, immer wieder scheitert, immer wieder ansetzt, und dabei doch eigentlich gegen etwas ganz anderes antritt, gegen die Sterblichkeit selbst nämlich, das ist schlicht meisterhaft erzählt. „Er ist weg“ heißt es am Ende – als Pendant zu jenem „Ich bin noch da“ des Anfangs. Der wahre Gegner ist der Tod. Der Kampf geht immer weiter.

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