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Clemens J. Setz: Indigo : Die X-Akten des postmodernen Romans

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Bild: Verlag

Man könnte sich kaputtgoogeln und käme doch nicht hinter dieses Erzählgeheimnis: Clemens J. Setz macht in „Indigo“ aus einem schauerromantisch-esoterischen Plot eine große Erzählung über fingierte Wirklichkeit.

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          Wo sind eigentlich all die Männer, die nur mal eben Zigaretten holen gehen und nie mehr zurückkommen? In Clemens Setz’ irrwitzigem Roman „Indigo“ öffnet ihnen eine geheime Tastenkombination am Automaten einen Gang in ein unterirdisches Zwischenreich, Umschlagplatz aller Lebensaussteiger. Einige bleiben für immer dort, andere gelangen per Unterweltzug nach Singapur oder St. Petersburg, wo sie mit falschem Namen und neuer Frisur wiederauftauchen. Das ist nur einer von vielen grotesken Einfällen des Autors, die nur so funkeln vor Phantasie. Diese epischen Trouvaillen wirken oft so, als würde am Lagerfeuer ein Freak dem anderen eine Geschichte bei einem Joint erzählen, worauf der andere ausruft: „Far out, man!“

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Ähnliches könnte man auch über das Thema des Buches sagen. Es geht darin um sogenannte Indigo-Kinder, also solche mit einer seltsamen „blauen Aura“, deren bloße Anwesenheit allen Menschen in ihrer Nähe Kopfschmerz, Durchfall und Hautausschläge verursacht. Also steckt man sie in eine Sondererziehungsanstalt fern der Gesellschaft. Manche aber werden von dort „reloziert“, das heißt: Sie verschwinden spurlos. Andere bringen sich aus Verzweiflung um. Das klingt nicht nur wie eine Folge der Serie „Akte X“, sondern leiht sich auch wirklich einiges aus der Schauerromantik, dem Horror und der Urban Legend. Robert Walser und Franz Kafka grüßen von ferne. Regelrecht unheimlich und für den Leser manchmal zum Haareraufen ist, dass die Menschen, die über das Phänomen sprechen, regelmäßig ihre Sätze abbrechen.

          Geht es hier eigentlich um irgendetwas?

          Zur gezielten Verrätselung trägt auch die vielschichtige Struktur des Buches bei. Schon sein Klappentext kokettiert damit, dass es sich „jeder Zusammenfassung entziehe“. Man hat es mit einer anspruchsvollen Metafiktion zu tun, in der verschiedene Zeit- und Realitätsebenen einander komplementieren, manchmal auch gegenseitig aushebeln. Grob unterscheiden lassen sich eine Gegenwarts- und eine Zukunftsebene. In der ersten stellt ein Alter Ego des Autors mit Namen Clemens Setz Recherchen über die Indigo-Kinder an, die er selbst einmal an der besagten Erziehungsanstalt unterrichtet hat, bevor er entlassen wurde. Im Jahr 2021 wird ein früheres Indigo-Kind als junger Erwachsener gezeigt: Robert Tätzel ist wie seine Freundin durch Medikamente „eingestellt“ und hat bizarre Angstträume. In dieser Zukunft wird man ständig beobachtet von sogenannten „iBalls“, und es ist normal, dass man während des Liebesakts im Internet surft.

          Die beiden Haupterzählstränge werden jedoch unterbrochen durch diverse Rückblenden, Exkurse und einmontierte Dokumente wie Briefe, Patientenakten und die Klappentexte fiktiver Bücher. Lange versteht man in diesem Buch nur Bahnhof - und denkt sich: Solche Stil- und Genreartistik ist schön, aber geht es hier eigentlich um irgendetwas?

          Die Ununterscheidbarkeit von Fakten und Fiktionen

          Zunächst einmal ist der Roman ein Angriff auf das bestehende System der Romanproduktion, so wie auch der Autor Setz gern gegen andere Schriftsteller polemisiert. Ingeborg Bachmann hat der 1982 Geborene etwa einmal als „formlos, übertrieben, pseudo-poetisch“, ja „kaum zu ertragen“ bezeichnet, Judith Hermann für die Eindimensionalität ihrer Figuren gerügt. Umgekehrt wurde Setz von manchen schon der Vorwurf des „L’art pour l’art“ gemacht, der heute schnell bei der Hand ist, wenn jemand einmal keinen realistischen Familienroman im ungestörten Illusionsmodus schreibt. Doch der Vorwurf der bloßen Stilübung gegen „Indigo“ - jüngst auch im Kontext der Shortlist-Auswahl des deutschen Buchpreises geäußert, auf der Setz mit dem Roman steht - ist aus verschiedenen Gründen nicht gerecht.

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