https://www.faz.net/-gr3-75277

Claus Bury: Bauernarchitekturen : Maya-Tempel aus Stroh gebaut

Bild: Verlag

Claus Bury ist Bildhauer. Seinen Plastiken begegnet man in Deutschland überall im öffentlichen Raum. Seinen Fotografien von Skulpturen, die eher zufällig auf Feldern entstehen, hat er nun ein Buch gewidmet.

          Am Ende spielt die Größe dann eben doch eine Rolle. Und so wechselte der Künstler Claus Bury, Jahrgang 1946, im Laufe seiner Karriere konsequent die Richtung: vom Goldschmied über den Bildhauer zum Architekten. Anfangs Broschen und Ringe, dann Skulpturen, die im Wald versteckt sind oder in Großstädten vor Großbanken stehen, später Arbeiten, die Bäche überspannen oder gleich eine halbe Landschaft, wie bei Bitterfeld. Und setzte man die Modelle in die Wirklichkeit um, an denen er momentan arbeitet, wären sie so hoch wie Wolkenkratzer.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Erkennbar bleibt meist sein Prinzip der Treppen nach der Formel des Rechenmeisters Leonardo Fibonacci. Der hatte im Jahr 1202 eine unendliche Zahlenfolge entwickelt, um das Wachstum einer Kaninchenpopulation darzustellen. Die jeweils folgende Zahl der Reihe ergibt sich durch Addition der beiden vorherigen; also: 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 und so weiter. In der Kunst würde das niemanden interessieren, näherte sich der Quotient zweier aufeinander folgender Fibonacci-Zahlen nicht zufällig dem Goldenen Schnitt an. Erkannt hat das schon Johannes Kepler - und ausgenutzt hat es für seine Arbeiten neben Claus Bury auch der Bildhauer Mario Merz. Doch tut man Bury unrecht, wenn man sein Werk auf geschachtelte und verschachtelte Stufenpyramiden reduzierte. In fast schon konstruktivistischer Manier setzt er bisweilen auch Kreuze in seine Arbeiten, öffnet Tore, spannt Bögen oder zerlegt Kreise in verschieden große Segmente, die er kippt, verdreht und übereinander stapelt. Aber auch dort ist es ihm immer um das Spiel mit mathematisch begründeten Proportionen zu tun.

          Ausgangspunkt für eine Großplastik

          Viele seiner Plastiken hat Bury eigens für den späteren Standort entworfen. Er legt Wert auf überraschende Sichtachsen und verwirrende Perspektiven. Dann wird die Skulptur zum Rahmen für die Landschaft oder sie verzahnt Gebäude der Umgebung miteinander. Dass die Arbeiten meist aus Leimholz gemacht sind, gibt ihnen eine angenehme Wärme, die in gewissem Widerspruch zu den perfekt berechneten und präzis gearbeiteten Formen steht. Und dass sie meist begehbar sind, erkletterbar oder zumindest als Sitzmöbel taugen, gibt ihnen stets etwas Einladendes

          Als vor knapp zwanzig Jahren ein opulenter Bildband die architektonischen Skulpturen Claus Burys vorstellte, wurden mit kleinen Abbildungen im Vorwort Querverbindungen zu etruskischen Felsengräbern und den utopischen Entwürfen der beiden französischen Revolutionsarchitekten Claude-Nicolas Ledoux und Étienne-Louis Boullée gezogen, die dem Betrachter augenblicklich einleuchteten. Es fanden sich dort allerdings auch zwei Schwarzweißfotografien von gestapelten Strohballen, lakonisch bezeichnet: „Bauernarchitektur, 1983.“ Claus Bury hatte sie auf Feldern bei Limburg und Bruchköbel entdeckt und fotografiert. Wenig später nahm er die Bilder als Ausgangspunkt für eine Großplastik.

          Das hat er sich nicht nehmen lassen

          „Bauernarchitekturen“ heißt nun ein ganzes Buch, in dem Claus Bury mehr als hundert Fotos solcher Strohstapelungen zeigt. Aufgenommen hat er sie in den vergangenen dreißig Jahren an den unterschiedlichsten Punkten der Welt. Ideenlieferanten für künftige Arbeiten sind sie schon lange nicht mehr, und dass die allermeisten Aufnahmen des Buch erst in jüngster Zeit entstanden sind, lässt auf ein anderes Interesse schließen.

          Was Bury zusammengestellt hat, ist denn auch kein fotografisches Skizzenbuch, sondern eine Art Katalog der Formen, die sich in der Vorratswirtschaft wie zwangsläufig ergeben, wenn Stroh gelagert wird. Dabei kann Bury trotz seiner bisweilen distanzierten, dokumentarischen Annäherungsweise eine gewisse Hochachtung vor den Bauern und ihren Schichtungen nicht verhehlen.

          Es sind mitunter gigantische Blöcke, zusammengesetzt aus tausend Pressbündeln und mehr. Hier Walzen, dort Blöcke, so hoch gestapelt, dass die angelehnten Leitern nicht mehr bis oben hin reichen. Einige Ballen sind verpackt, andere von Dächern überspannt. Es gibt Würfel, Blöcke und Pyramiden. Manche sehen aus wie Maya-Tempel in Mexiko, andere wie antike Wallanlagen, eine lange Reihe von Quadern erinnert an eine Installation etwa von Richard Serra. Vielleicht nur der Vollständigkeit halber - obwohl Bury der völkerkundliche Aspekt, der bei einer solchen Arbeit auch denkbar wäre, kaum kümmert - gibt es sogar einige Aufnahmen von Garbenbündeln, die mal wie Zelte, mal als sogenannte „Strohmanderln“ wie kauzige Männlein auf den Feldern stehen. Dort aber, wo das Stroh vor sich hin modert und die Konstruktionen sich beängstigend zu neigen beginnen, wo erste Ballen schon herabgestürzt sind und sich Spalten auftun, denkt man unweigerlich an die romantischen Darstellungen von Burgruinen. Diese Bilder stehen am Ende des Buchs, und Bury hat es sich nicht nehmen lassen, die grauen Wolken am Himmel dramatisch hervorzuheben. Ein wenig ist das wie ein memento mori.

          Ein zarter Hauch von Melancholie

          Auch im Vorwort des Bildbands „Bauernarchitekturen“ stellen kleine Abbildungen Querverbindungen her. Einer der Heuhaufen Monets ist zu sehen, dazu heitere Ernteszenen von Brueghel, Stubbs und van Gogh. Nicht gezeigt hingegen werden bildhauerische Arbeiten von Claus Bury. Dabei man kann seine Fotografien gar nicht betrachten, ohne seine Skulpturen mitzudenken. Hinter jeder Aufnahme schimmern sie wie ein Wasserzeichen hindurch. Seine Bilder der Heustapel sind eben nicht nur die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema - sie sind auch eine Betrachtung des eigenen Werks. Wozu die raffinierte Fibonacci-Formel, scheinen manche dieser Bilder zu fragen, wenn doch ein Landwirt mit seinem Gabelstapler wie absichtslos eine Skulptur von gleichem ästhetischen Reiz schaffen kann?

          So durchweht diesen wunderbaren Fotoband trotz all der gewaltigen, mächtigen, dramatischen Stapel deutlich spürbar ein zarter Hauch von Melancholie. Ihm vor allem verdanken die Bilder ihren eigentümlichen Zauber.

          Weitere Themen

          Warten auf die richtigen Worte

          Stottern : Warten auf die richtigen Worte

          Harald Weiß stottert. In der Schule hatte er Selbstmordgedanken. Später gelang es ihm, vor vielen Menschen frei zu sprechen.

          Topmeldungen

          Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

          Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.

          Vegane Ernährung : Arbeit ohne Heiligenschein

          Immer mehr vegane und vegetarische Lebensmittel kommen auf den Markt. Um sie herum gibt es jede Menge Berufe. Wie ideologisch muss man sein, um in der Branche klarzukommen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.