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Clara Rojas: Ich überlebte für meinen Sohn : Die Wunde, die nicht heilt

  • -Aktualisiert am

Bild: Blanvalet Verlag

Die befreiten Geiseln der Farc-Guerrilla, die sich ihr Leid von der Seele schreiben, haben in Kolumbien ein eigenes literarisches Genre begründet. Mit dem Buch von Clara Rojas liegt nun erstmals ein Bericht aus der Schattenwelt des Urwalds auf Deutsch vor.

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          Vor etwas mehr als einem Jahr wusste kaum jemand, unter welchen Bedingungen die von der kolumbianischen Guerrilla Entführten im Urwald dahinvegetierten. Seit die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) einige der Entführten freigelassen haben, andere sich selbst befreien konnten und seit die für die Guerrilla wertvollste unter den politischen Geiseln, die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, in einer spektakulären militärischen Operation gerettet wurde, weiß die Öffentlichkeit selbst um die intimsten Details aus dem Lagerleben der Guerrilla.

          Die mittlerweile in Freiheit lebenden Entführten, die für einen Austausch gegen gefangene Guerrilleros vorgesehen waren, haben unzählige, oft erschütternde Details über ihre jahrelange Geiselhaft preisgegeben. Viele von ihnen haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, um sie als Buch zu publizieren. Ein halbes Dutzend solcher Bücher sind bereits erschienen. Eine neue Literaturgattung ist damit zwar nicht entstanden, die Geiselerlebnisberichte, die eine absurde Schattenwelt im kolumbianischen Urwald abbilden, stellen aber doch eine neue, ganz eigene Textsorte dar.

          Schreibtherapie

          Am morgigen Mittwoch kommt das erste ins Deutsche übersetzte Buch dieses Genres heraus. Clara Rojas, die Assistentin und Gefährtin von Ingrid Betancourt, erzählt darin eine der bewegendsten Episoden des kolumbianischen Geiseldauerdramas. Sie ist während der Gefangenschaft schwanger geworden und hat unter menschenunwürdigen Umständen und unter Lebensgefahr im Dschungel ihr Kind gebären müssen. Schon kurz nach ihrer Freilassung vor einem Jahr hat sie die Details dieser Geburt in unzähligen Fernsehauftritten erzählt. Nur eines hat sie niemals preisgegeben: wer der Vater des Sohnes ist, den sie Emmanuel nannte. An dieses Schweigegebot hält sie sich auch in ihrem Buch. Sie werde den Namen des Vaters allenfalls ihrem Sohn mitteilen, wenn er eines Tages danach fragen sollte, teilt sie dem Leser mit.

          Warum haben sie und die anderen ehemaligen Geiseln überhaupt ein Buch geschrieben, wenn sie all das, was sie mitteilen wollen, längst offenbart haben? Das Schreiben war für Clara Rojas wie für ihre einstigen Mitgefangenen eine therapeutische Handlung. Sie hat versucht, sich damit den Albtraum ihrer sechs Jahre währenden Gefangenschaft im Dschungel von der Seele zu schaffen. Diese Seelenselbstmassage förderte doch noch einige erstaunliche Erkenntnisse über die Gefangenschaft der von den Farc entführten Personen zutage.

          Schilderung einer schweren Geburt

          In Rojas' Buch mit dem spröden deutschen Titel „Ich überlebte für meinen Sohn“ ist immer wieder von den erbitterten Streitereien der Entführten untereinander die Rede, die bis zu Handgreiflichkeiten reichten - offenkundige Folgen eines makabren Lagerkollers. Besonders aufmüpfig und sogar arrogant scheint sich demnach Ingrid Betancourt sowohl ihren Mitgefangenen als auch den Wächtern gegenüber benommen zu haben. Clara Rojas berichtet, wie bei einem missglückten gemeinsamen Fluchtversuch ihre Freundschaft mit der früheren Präsidentschaftskandidatin, die derzeit selbst ein Buch schreibt, in die Brüche ging.

          Rojas' Bericht liest sich in der Übersetzung über weite Strecken nüchtern, manchmal fast bürokratisch trocken. Sie erzählt von den zermürbenden Märschen durch den Dschungel, beschreibt den Alltag in den Camps und die erniedrigende Behandlung der Geiseln. Manche von ihnen, zeitweise auch Betancourt, wurden von ihren Peinigern wie Tiere angekettet. Die Schilderung der Geburt, bei der ein „Sanitäter“ der Guerrilla mit einem stümperhaft ausgeführten Kaiserschnitt das Kind zur Welt bringt und dem Säugling ein Ärmchen bricht, erreicht dann allerdings fast schon literarische Dichte, die von ferne an die Landarztgeschichten des spanischen Autors Pio Baroja erinnert. Die schlichte Beschreibung der grotesken medizinischen Behandlung in einer völlig absurden Situation entlarvt jede Art von Feuchtgebietelyrik als platte Frivolität. Besonders qualvoll war für Clara Rojas die Zeit als Wöchnerin, weil die Wunde nur langsam verheilte. Am allerschlimmsten war für sie, dass man ihr das Kind wegnahm. Es kam auf immer noch nicht ganz geklärte Weise in ein Waisenhaus und fand erst nach Rojas' Freilassung wieder zu seiner Mutter.

          „Menschliche Verhaltensweisen, die ich bis heute nicht verstehe“

          Die minutiöse Schilderung des erfahrenen Leids hat für die Autorin das Ziel, den Verlust von sechs Lebensjahren verschmerzen und, wie sie am Ende ihres Buches bekennt, den Mut aufbringen zu können, denjenigen, die ihr diese Zeit geraubt haben, zu „verzeihen“. Andere ehemalige Entführte haben mit dem Bücherschreiben versucht, über die während der Geiselhaft zerbrochenen Beziehungen zu ihren Familienangehörigen hinwegzukommen. Clara Rojas hat die Gefangenschaft ratlos zurückgelassen. „Es gibt Dinge und menschliche Verhaltensweisen, die ich bis heute nicht verstehe“, schreibt sie. Vielleicht konnte oder wollte sie das perverse Phänomen einer Guerrilla nicht weiter erkunden, die sich anmaßt, Staat im Staate zu sein, und einen ungeheuren Aufwand betreibt, um ihre Entführten über Jahre hinweg als Objekte politischer Erpressung wie erbeutete Tiere mit sich herumzuschleppen.

          Selbst als sie nach ihrer Freilassung den inzwischen festgenommenen Farc-Veteranen Martín Sombra im Gefängnis besuchte, nutzte sie die Gelegenheit offenbar nicht dazu, mit ihrem einstigen Peiniger über die Sinnlosigkeit von Guerrillakampf und Geiselnahmen zu sprechen. Die Gespräche kreisten statt dessen vor allem um ihr Kind. Das ist verständlich, doch der Leser hätte gern mehr aus der Perspektive von Opfer und Täter erfahren, warum die Guerrilla glaubt, mit der Entführung von Menschen „politische“ Ziele erreichen zu können.

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