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Claire Keegan: Das dritte Licht : Ein Sommer, der bleibt

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Jeffrey Eugenides und Richard Ford schwärmen für ihre Literatur: Claire Keegan erzählt in „Das dritte Licht“ von Schweigen und Verwahrlosung.

          3 Min.

          Der Originaltitel dieser Erzählung lautet „Foster“. „To foster a child“ kann sowohl „ein Kind in Pflege geben“ wie „ein Kind in Pflege nehmen“ heißen, und beides geschieht in dieser neuen Erzählung von Claire Keegan.

          Die Autorin ist wohl die interessanteste Stimme der gegenwärtigen irischen Literatur, wird aber außerhalb des angelsächsischen Sprachraums noch immer nur zögerlich wahrgenommen, auch bei uns, obwohl der Steidl Verlag ihr Werk von Beginn an auf Deutsch publiziert hat. 2004 erschien der Erzählungsband „Wo das Meer am tiefsten ist“ (“Antarctica“), im Jahr 2008 folgte „Durch die blauen Felder“ (“Walk the Blue Fields“), und mit Hans-Christian Oeser als Übersetzer hat Keegan eine erstklassige und angemessene deutsche Stimme gefunden.

          Kindheit ohne Liebe

          Das ist in ihrem Fall besonders wichtig, denn diese Autorin arbeitet nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit der Pause, dem Verstummen, dem Schweigen. Ihre Erzählungen sind hochmusikalisch, deshalb kommt es auf das genaue Hinhören an, auf die Tonhöhe, in der etwas gesagt wird, auf die Länge der Pause, auf die zarte Andeutung.

          Das Schweigen ist in der neuen, hundert Seiten langen Erzählung sogar das alles grundierende Thema. Ein Mädchen, schätzungsweise sieben bis neun Jahre alt, wird von seinen Eltern in den Ferien zu entfernten Verwandten gebracht, die, kinderlos, im County Wexford eine kleine Landwirtschaft betreiben. Der Vater des Mädchens ist ein Trinker, die Mutter schon wieder schwanger, genug Kinder sind bereits da, da ist es eine Erleichterung, wenn die Älteste mal eine Weile weg ist. Am liebsten eigentlich für immer, so hat es das Mädchen einem Gespräch der Eltern vor der Abreise abgelauscht. Für Liebe ist wenig Platz und Kraft übrig in diesem Haushalt.

          Rettung aus der Verwahrlosung

           

          Der Vater fährt sie also zu den Pflegeeltern, dem Ehepaar Kinsella. Diese Verwandten sind so „entfernt“, dass das Mädchen ihre Pflegemutter bis zum Schluss mit „Sie“ ansprechen wird und die Erzählerin - das erwachsene Mädchen, das aus der Rückschau erzählt, aber, und das ist wichtig, durchgängig im Präsens - sie immer nur „die Frau“ nennen wird. „Den ganzen Tag helfe ich der Frau im Haushalt.“ Der Mann wird dagegen beim Familiennamen genannt: „Kinsella kommt herein, macht uns allen Tee und trinkt seinen im Stehen, dazu isst er eine Handvoll Kekse, dann geht er wieder hinaus.“

          Das Mädchen hilft im Haushalt und holt täglich die Post aus dem Briefkasten am Ende der Auffahrt zum Haus. Es darf baden, und zwar in schönem heißem Wasser, das nicht vor ihr schon andere zum Baden benutzt haben, wie sie es von zu Hause gewohnt ist. Die Eltern haben zwar vergessen, ihr Kleidung mitzugeben, aber auch Kinderkleidung gibt es merkwürdigerweise hier im Haus, gebraucht, aber gut, nicht ganz passend, aber passend gemacht. Kurz: Das Mädchen wird aus seiner leichten häuslichen Verwahrlosung herausgeholt und verlebt einen wunderbaren Sommer bei den Kinsellas.

          Das Trauma der Pflegeeltern

           

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