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: Chucks Café

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Ein Gedicht wie dieses / kann man nur damit beenden / daß man plötzlich / verstummt." "Schwätzer" ist dieses Gedicht von Charles Bukowski überschrieben, und man ist mittlerweile auf Seite 405, etwa auf der Mitte der Seite und etwa in der Mitte des Buchs. Natürlich heißt das Gedicht nicht "Schwätzer", ...

          Ein Gedicht wie dieses / kann man nur damit beenden / daß man plötzlich / verstummt." "Schwätzer" ist dieses Gedicht von Charles Bukowski überschrieben, und man ist mittlerweile auf Seite 405, etwa auf der Mitte der Seite und etwa in der Mitte des Buchs. Natürlich heißt das Gedicht nicht "Schwätzer", sondern "Liebe & Ruhm & Tod", "Schwätzer" steht auf der linken Seite gegenüber, aber die Blätter haben sich von selbst umgeschlagen und treiben den Leser weiter, Zeile für Zeile, wie Reklametafeln in einer nächtlichen Stadt blinken die Worte auf, locken wie Leuchtstoffröhren in dunkle Barschläuche, fallen wie Eiswürfel in Whiskygläser, drücken sich wie Zigaretten aus in überquellende Aschenbecher, verlieren sich unter dem hochgeschobenen Rock einer Frau, öffnen auf der Toilette den Gürtel, lassen das Wasser über ein versoffenes Gesicht laufen, das sich im Spiegel in die eigene Visage schlagen möchte, doch die Worte haben keine Zeit, brechen um die Zeilen, gleiten weiter im offenen Cadillac die Straße entlang, hinaus aus der Stadt in die Wüste dem Sonnenaufgang entgegen, und zwischen den Strophen knirscht der Sand. Am Ende der Reise steht ein einarmiger Bandit, und die Zeichen rollen, doch nie bleiben zwei Herzen beieinander, nur für einen kurzen Augenblick, bevor sie sich weiterdrehen, bis der letzte Quarter aus der Tasche in den Schlitz fällt und das Glück eine letzte Chance bekommt, die es natürlich verspielt.

          Er sei ein Schwätzer, das haben Bukowski viele vorgeworfen, und es war noch einer der harmlosesten Vorwürfe. Er würde so maßlos Gedichte schreiben, wie er soff, rein und raus. Sicher, manche Metapher muß man im Sixpack nehmen, und es ist immer wieder der gleiche Rausch, der am Ende Kopfweh macht. Aber so ist das Leben, und wer erwacht schon gern. Zwei Aspirin, ein Gedicht und dann einen kräftigen Schluck. Ja, Bukowskis Gedichte vervielfältigen sich, sie treiben es so bunt miteinander, wie er es mit den Frauen hielt, die er oft sowenig voneinander unterscheiden konnte wie Tomatendosen im Supermarktregal.

          Amerika ist das Land der Vergrößerung, es ist wie seine Landschaften, der Mensch ist zu klein, wenn er in ihnen steht, und deshalb muß er sie übertreffen. Amerika ist die pure Angst, und deshalb muß alles zählbar sein: die Frauen, das Bier, die Bomben, das Geld. Sie denken sich groß, in der Liebe, im Ruhm, im Tod, im eigenen Elend, das immer episch und nur in Cinemascope zu haben ist. Alles gerät zum Mythos.  Es ging allen immer schon so. Odysseus wechselt seine Reifen, und Kassandra sitzt im Coffee shop vor ihrer Tasse und bekommt die Augen nicht mehr zu. Homer hat seine eigene Late-Night-Show, Achill erklärt im Frühstücksfernsehen den Krieg und geht in den Werbepausen zum Rauchen vor die Tür.

          Bukowski erscheint uns wie ein Dichter aus dem Leben, aus dem richtigen Leben, authentisch, als könnte man seine Gedichte riechen, als würde man beim Blättern alle möglichen Flecken auf den Seiten entdecken. Sicher, er hat keine Syntaxspoiler auf seine Gedichte geschraubt, nicht die Zeilen mit Zitaten verchromt, durch die Lüftung haucht nicht der Atem der Klassik. Er schreibt verständlich - und das bei all dem Alkohol in den Fingerspitzen. Wenn Literatur stellvertretende Erfahrung ist, dann muß man nach diesen Gedichten eine Entziehungskur beantragen. Und natürlich ist das alles scheinbar verbürgt, abgesichert durch Augenzeugen und Saufkumpane, Grundstücksmakler und Polizeiberichte, Interviews und Krankenakten. Er war im Gefängnis, hat den Wehrdienst verweigert, jobbte als Leichenwärter, Nachtportier, Tankwart, Sportreporter, hat fünfzehn Jahre lang Briefe sortiert, sich eine Villa gekauft, und auf seinem Grabstein ist ein Boxer zu sehen. Und weil es irgendwann mit der Hochkultur zu langweilig  und anstrengend war, machte man ihn zu einem Kultautor von tief unten. Und natürlich wird ihm das alles nicht gerecht - wenn es denn um Gerechtigkeit geht.

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